70 Instrumente stehen ungenutzt in der Werkstatt

Wenige Kinder lernen Geige: Corona-Krise lässt Nachfrage nach Leihinstrumenten einbrechen

Hans Otto Groh
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Stammt aus einer alten Instrumentenbauerfamilie: Hans Otto Groh. Er verleiht Streichinstrumente.

Kinder und Jugendliche haben in Zeiten von Corona viel freie Zeit. „Sie nutzen sie allerdings nicht zum Musizieren“, bedauert Geigenbauer Hans Otto Groh (79) aus Reinhausen.

Reinhausen – Der in der Gemeinde Gleichen ansässige Handwerker verleiht seit 30 Jahren Geigen und Celli. Auch in Hann. Münden und Northeim hat er Kunden. Derzeit stehen allerdings 70 seiner insgesamt 170 Instrumente ungenutzt in der Werkstatt am Marienburger Weg.

„Die ergangenen 30 Jahre lief das Geschäft gut“, sagt der ehemalige Inhaber des Göttinger Musikhauses Otto Groh. Den Instrumentenverleih baute er aus, nachdem er 1991 seinen Betrieb an der Weender Straße 76 aufgegeben hatte. Ein schwerer Schritt sei das damals gewesen, erinnert sich der Unternehmer. Instrumente und Noten, Tonträger und Stereoanlagen führte das 1896 von Grohs Großvater gegründete Fachgeschäft. Zehn Mitarbeiter waren auf 180 Quadratmetern Fläche tätig, drei davon in der Werkstatt.

„Der Wettbewerb durch Elektronikmärkte hat mich zum Aufgeben gezwungen“, erzählt Groh. Die Fachmarktketten boten elektronische Musikinstrumente und die neuesten Hits zu Preisen an, für die er die Ware oft nicht einmal von den Herstellern angeboten bekam. Er schloss das Geschäft und verkaufte die in der Fußgängerzone gelegene Immobilie für gutes Geld. Die Werkstatt betrieb Groh zunächst im Stadtteil Geismar weiter – später ging er nach Reinhausen.

Musiklehrer brachte Groh auf die Idee

„Auf die Idee mit dem Instrumentenverleih hatten mich Musiklehrer gebracht“, erzählt er. Kinder spielen auf kleineren Instrumenten als Erwachsene und benötigen – weil sie wachsen – alle anderthalb Jahre ein größeres. Ein Kauf würde jedes Mal mit gut 400 Euro zu Buche schlagen. Für alte Instrumente lässt sich kein guter Preis erzielen. Da rechnet es sich, Instrumente zu mieten, erklärt Groh sein Geschäftsmodell.

Die Instrumente bezieht der Geigenbauer aus China. Er erinnert sich noch, wie seine Kollegen einst über die „mit Saiten bespannten Zigarrenkisten“ aus Fernost spotteten. Aber die Asiaten holten sich die Hilfe europäischer Instrumentenbauer. Mittlerweile sei die Qualität „ordentlich“, versichert Groh. Er selbst baut keine Instrumente, sondern repariert sie nur.

„Ich stamme aus einer alten Instrumentenbauer-Dynastie, die ihren Wurzeln im sächsischen Markneukirchen hat“, erzählt der Handwerker. Sein Onkel war dort ein renommierter Blockflötenfabrikant.

Der Cousin baute Klarinetten und Fagotte. Grohs Großvater siedelte 1896 nach Göttingen über und machte sich zunächst an der Mauerstraße Ecke Kurze-Geismar-Straße selbstständig. 1904 erwarb er das Eckhaus an der Weender Straße.

Groh selbst begann 1968 auf Bitten seines Vaters eine dreijährige Lehre zum Geigenbauer bei Ernst Heinrich Roth im fränkischen Bubenreuth bei Erlangen. Dort hatten sich viele Markneukirchener Musikinstrumentenbauer niedergelassen, die aus der früheren DDR geflohen waren.

Kontakt: Hans Otto Groh, Marienburger Weg 15, 37130 Gleichen, Tel. 05592/493.

(Michael Caspar)

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