Corona-Krise wirkt sich auf internationale Beziehungen aus

Weniger Austausch-Studenten - Vize-Präsidentin über die Folgen der Pandemie

Der Zentralcampus der Universität Göttingen
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Der Zentralcampus der Universität Göttingen mit dem Blauen Turm, der Zentralmensa (links) und dem Zentralen Hörsaalgebäude: Knapp 30.000 Studenten sind an der Hochschule eingeschrieben.

Sie ist die Außenministerin: Vize-Präsidentin Prof. Hiltraud Casper-Hehne obliegt auch die Leitung von „Göttingen International“ an der Universität.

Göttingen – Sie kümmert sich um internationale Studierende, aber auch Studenten der Uni, die im Austausch im Ausland lernen. Die Pandemie brachte schlagartig massive Veränderungen – in Göttingen, im Ausland und an der Uni, wie Casper-Hehne im Interview sagt.

Zuversichtlich: Uni-Vize-Präsidentin Prof. Hiltraud Casper-Hehne spricht über ein aufregendes Jahr – besonders im Bereich internationale Studierende und Austausch.
Frau Casper-Hehne, wie hat sich die Pandemie auf die Uni, internationale Beziehungen und die Studierenden ausgewirkt?
Wie alle anderen mussten auch wir uns sofort auf diese unerwartete Situation einstellen. Die gesamte Abteilung ‘Göttingen International‘ hat Tag und Nacht gearbeitet, um unsere internationalen Studierenden zu betreuen, aber auch unsere deutschen Studierenden, die im Ausland waren. Wir mussten ja machbare Lösungen für die Probleme finden. Es ging darum, die Studierenden, die festsaßen, zurückzuholen oder heimzubringen. Das war sehr aufwendig – da es Rückreisekontingente gab. Einige wollten auch bleiben. Es war eine sehr individuelle Betreuung. Und es galt, die Studierenden hier vor Ort zu versorgen, auch mit Informationen über das, was passiert, und wie es möglich ist, ein enges Kommunikationsnetz aufzubauen. Dann galt es auch noch, digitale Studienmöglichkeiten aufzubauen.
Ausländische Studierende benötigen da sicher noch mehr Betreuung..
Ja, natürlich. Manche kommen in ein auch kulturell fremdes Land. Zudem fehlten im Lockdown plötzlich die direkten Kontakte, die Einführungsveranstaltungen, die Live-O-Phasen. Insbesondere gilt dies auch für das gerade für ausländische Studienanfängerinnen und -anfänger wichtige soziale Kennenlernen neben dem Studium, in der Freizeit, am Abend in den Kneipen, beim Sport. Man darf nicht vergessen: Viele, die zu uns kommen, kennen das Land und die Gepflogenheiten sowie das deutsche Wissenschaftssystem nicht.
Entstanden auch wirtschaftliche Probleme für Studenten?
Ja, für einige brachen die Einkünfte und die für ausländische Studierende oft notwendigen Jobs weg – und die Eltern waren weit weg. Auch sie hatten auch oft keine Einkünfte mehr. Es kamen massive finanzielle Nöte auf. Der Bund konnte da nur langsam nachbessern. Hier in Göttingen gab es Hilfsaktionen, mit dem Studentenwerk und einem Hilfsfonds. Auch die Versorgung für die digitale Lehre war nicht ausreichend, manchmal fehlten digitale Endgeräte. Da mussten wir dringend helfen. Das Lern- und Studiengebäude war geschlossen. Es fehlten die Verbindungen zu Kommilitonen, zu Lehrenden, zu Professorinnen. Die Uni, die Fakultäten und wir von Göttingen International‘‘ haben sehr umsichtig agiert, um diese Auswirkungen aufzufangen.
Wie entwickeln sich die Zahlen ausländischer Studierender und Austauschstudenten an der Uni?
Die Zahlen für das Wintersemester sind sehr hoch: Es sind sehr viele Studierende nach Göttingen gekommen. Die Zahl liegt jetzt bei 3797 Bildungsausländern, im Wintersemester vor einem Jahr waren es 3900. Die Zahl jetzt steigt bis Ende Januar noch, und wir steuern dann auf einen Rekordwert zu. Das zeigt: Die ausländischen Studierenden haben Vertrauen in die Uni Göttingen, diese ist für sie ein attraktiver Standort. Und sie haben auch großes Vertrauen in Universität und Stadt, und darin, wie wir hier mit der Pandemie umgehen. Sie sehen auch, dass wir mittlerweile sehr gute und attraktive digitalen Studienangebote bereitstellen.
Wie sieht es bei den Austausstudierenden aus?
Austauschstudierende sind weniger da – 346 waren es im 2019, jetzt sind es 122. Man geht eben nicht für ein halbes Jahr ins Ausland, wenn man dort nur zum Großteil digitale Lehre erfährt. Und es gab weitere Faktoren, die sich auswirkten: Zum Sommersemester 2020 konnten manche derer, die nach Göttingen kommen wollten, ihr Bachelor-Studium gar nicht abschließen, um hier im Master weiter zu studieren. Auch Visa wurden nicht rechtzeitig ausgestellt. Zudem waren die Flüge extrem teuer, für manche gar unerschwinglich.
Welche Bedeutung haben ausländische Studierende für die Uni Göttingen?
Ich würde das erweitern auf den Göttingen Campus und die Stadt. Für uns als Universität hat sich die Auswahl erhöht: Für Master- und PhD-Studiengänge wählen wir die Besten aus – auch aus den ausländischen Bewerberinnen und Bewerbern. Das trägt zu einen qualitativ höheren Niveau der Studenten bei. Studierende aus einer anderen Alltags- und Wissenschaftskultur bringen zudem andere Perspektiven auf Dinge ein, so etwa in den Studiengängen, sie bringen mit interkulturellen Diskussionen Innovationen hervor.
Welchen Effekt hat das auf „heimische“ Studierende?
Die hohe Zahl der ausländischen Studierenden – es sind ja deutlich mehr als zehn Prozent aller – fördert wiederum bei unseren lokalen Studierenden den Blick auf die Welt, das Verständnis für andere Staaten und Kulturen. Der Campus Göttingen hier wird dadurch divers und offen. Nicht zu vergessen: Diese mehr als 4000 internationalen Studierenden sind ein Wirtschaftsfaktor für Stadt und Landkreis, ja die gesamte Region.
Es gibt weniger Austauschstudenten. Gab es dafür Ersatzprogramme?
Ja, wir haben schnell virtuelle Exchange-, also Austausch-Programme entwickelt, auch, weil wir bereits vorher über ein DAAD-Programm daran gearbeitet hatten. So konnten wir mit Australien gemeinsame Module anbieten. Dazu kamen Module mit einem interkulturellen Angebot, um das Land in virtueller Form erleben zu können.
Das bietet ja auch digitale Zukunftsperspektiven..
Ja, absolut, dieses Modell können und sollten wir auch in Zukunft nutzen. So können wir auch andere Studierende für einen internationalen Austausch gewinnen, die normalerweise nicht reisen würden oder können, auch, weil sie es sich nicht leisten können, Ängste haben, oder Einschränkungen bewältigen müssen. Wir können den Austausch letztlich umfassender gestalten als vorher.
Das Austauschstudium lebt aber vom Reisen..
Genau. Wir werden die Präsenz weiter als wichtiges Element fördern, denn nirgendwo anders als vor Ort lernt man mehr über ein Land und seine Kultur. Diese Programme bereichern das Angebot: Man könnte so vor einem dreimonatigen Auslandsaufenthalt in einer Summer-School vorher digital lernen. Später können die Erfahrungen im digitalen Studierendenaustausch weitergegeben werden. Das ist ein sehr schönes Projekt.
Das klingt zuversichtlich. Was hat sich durch den Lockdown 2 geändert?
Wir waren und sind gut vorbereitet, unsere Lehrenden sind sehr gut eingestellt auf die digitale Lehre. Die Uni hat zum Ende des digitalen Semesters im Sommer Rückmeldungen unserer Lehrenden und Studierenden eingeholt – das war die Basis, auf der wir uns für das Wintersemester vorbereitet haben.

Zur Person:

Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne, (63), geboren in Jever, ist seit April 2009 hauptamtliche Vizepräsidentin der Uni Göttingen, 2018 wurde ihre Amtszeit bis 2023 verlängert. Sie ist zuständig für das Ressort Internationales und betreut auch die Fakultäten Jura, Theologie, Sozialwissenschaften und Agrarwissenschaften. Casper-Hehne studierte Germanistik, Geschichte und Anglistik für das höhere Lehramt an der TU Braunschweig, wo sie auch promovierte. Sie arbeitete als Lektorin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst in Shanghai, war sechs Jahre stellvertretende Leiterin am Sprachenzentrum der TU Braunschweig. 2004 wurde sie als als Professorin für Interkulturelle Germanistik/Sprachwissenschaft an die Philosphische Fakultät der Uni Göttingen berufen. Seit 2015 leitet Casper-Hehne das Leuchtturmprojekt „Internationalisierung und Digitalisierung der Curricula“. Sie ist Ehrenprofessorin der Universität Peking und lebt in Göttingen.

(Thomas Kopietz)

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