Versetzung in Schule

Weniger Sitzenbleiber an den Gymnasien in Niedersachsen

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Das Zeugnis begutachten und entscheiden: Wird der Schüler versetzt? Bevor am Mittwoch die Ferien beginnen, haben sich manche Lehrer, Schüler und Eltern diese Frage gestellt.

Göttingen/Hann. Münden. 2,5 Prozent der Schüler in Niedersachsen drehen eine Ehrenrunde. Ein Schulpsychologe erklärt, was das Sitzenbleiben für Schüler bedeutet.

Die Anzahl der Sitzenbleiber in den allgemeinbildenden Schulen ist in allen Bundesländern außer Niedersachsen zurückgegangen. Das geht aus einer Statistik für die vergangenen zehn Schuljahre hervor. Der Anteil der Sitzenbleiber liegt laut jüngsten Zahlen vom Schuljahr 2014/2015 in Niedersachsen bei 2,5 Prozent. Im Bundesvergleich landet Niedersachsen im Mittelfeld. 

Relativ gering ist der Anteil der Wiederholer an den Grundschulen, in denen eine Versetzung nur von der 2. in die 3. und von der 3. in die 4. Klasse als solche zählt.

Auffällig hoch ist der Anteil dagegen in den Hauptschulen. Hier wiederholten 5,4 Prozent aller Schüler ein Jahr. Seit 2000 ist die Anzahl gestiegen. In Gymnasien hat sich der Anteil der Sitzenbleiber in der gleichen Zeit auf 1,6 Prozent fast halbiert.

Viele Sitzenbleiber gibt es am Grotefend-Gymnasium in Hann. Münden nicht, sagt Schulleiterin Heidrun Korsch. Allerdings wiederholen, wie auch am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) in Göttingen, manche Schüler einen Jahrgang freiwillig. In einem „Sitzenbleiber-Atlas“, den ein Online-Verbraucherportal im Herbst 2016 aufgestellt hat, befindet sich Göttingen mit 18 Wiederholern je 1 000 Schülern im Mittelfeld vor Braunschweig und hinter Hildesheim. Mädchen drehen im Vergleich weniger häufig die umgangssprachliche Ehrenrunde als Jungs.

Sitzenbleiber machen sich auch in den Schulfinanzen bemerkbar. Laut der Broschüre „Schulen auf einen Blick“ des Statistischen Bundesamtes entstehen mit jedem Klassenwiederholer erheblich mehr Kosten als die, die in vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Sitzenbleibern investiert werden.

An Integrativen Gesamtschulen (IGS), die Schulformübergreifend unterrichten, gibt es in der Mittelstufe kein Sitzenbleiben. Dort rücken Schüler immer in das nächste Schuljahr auf.

"Zwischen Hoffnung und Scham"

Was bedeutet das Sitzenbleiben für die Psyche eines Schülers? Darüber haben wir mit Michael Schneider, schulpsychologischer Dezernent in Göttingen, gesprochen.

Was bedeutet es für ein Kind, ein Schuljahr zu wiederholen?

Viel. Eine Klassenwiederholung zu meistern ist ein besonderes Ereignis für einen jungen Menschen, mit allen Facetten zwischen Chance und besonderer Belastung.

Welche Gefühle oder Ängste sind damit verbunden? 

Dies ist von Fall zu Fall ganz unterschiedlich. Gefühle von Entmutigung und Scham aufgrund von Scheitern und Versagen können ebenso eine Rolle spielen wie Entlastung und Hoffnung und die Freude auf eine neue Chance. Oftmals ist es eine Mischung aus sehr unterschiedlichen Gefühlen. Kinder und Jugendliche machen sich mitunter auch Sorgen darüber, wie Freunde, Klassenkameraden und Familie reagieren werden. 

Wie kann dieses Wiederholen eines Schuljahres als Chance begriffen werden? Was daran ist das Risiko?

Um eine Wiederholung als Chance zu begreifen ist es wichtig, dass wiederholende Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrern die Gründe für die Klassenwiederholung erörtert haben. Junge Menschen haben Interesse daran und das Recht darauf zu verstehen, weshalb eine Wiederholung notwendig erscheint. In der Motivationspsychologie weiß man, dass eine selbst getroffene Entscheidung es leichter macht zukünftig mit der Situation besser zurechtzukommen.

Inwiefern spielen soziale Aspekte eine Rolle? Bedeutet es nicht noch zusätzlichen Druck, sich in einer neuen Klasse einzufinden?

Sich in eine neue soziale Gruppe einzufinden löst meistens einen gewissen Druck aus. Als „Wiederholer“ findet man sich in der Regel in eine bereits bestehende soziale Gruppe ein. Die „neue“ Klasse hat ja als Gruppe schon Regeln des Miteinander entwickelt, und die Mitschülerinnen und Mitschüler haben ihre Rollen in der Klasse definiert. Als „Wiederholer“ muss man die neue Situation kennenlernen und einen Platz finden. Dies kann eine Weile dauern und ist nicht immer einfach.

Welche Rolle spielen Eltern ?

Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie können ihr Kind bei der Bewältigung der Situation unterstützen. Ärger und Bestrafung führen kaum dazu, dass Tochter oder Sohn im nächsten Schuljahr erfolgreicher ist. Eltern sollten stattdessen mit ihrem Kind gemeinsam überlegen, was konkret in Zukunft hilfreich wäre. Eltern sind oft selber verunsichert und belastet durch schulische Schwierigkeiten ihrer Kinder. Manche fühlen sich vielleicht an eigene unangenehme Schulerfahrungen erinnert. Bei eigener Belastung kann es schwierig sein, das Kind konstruktiv und positiv zu begleiten und zu unterstützen. Genau dies benötigen Kinder und Jugendliche in solchen Situationen aber ganz besonders.

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