GÖTTINGER LITERATURHERBST

Wenn aus Seethalers Quälerei großartige Bücher werden

Ein tolles Buch: Moderator Stephan Lohr (rechts) zeigt „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler den 500 Zuschauern in der Johanniskirche. Dort legte der Göttinger Literaturherbst so richtig los.
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Ein tolles Buch: Moderator Stephan Lohr (rechts) zeigt „Der letzte Satz“ von Robert Seethaler den 500 Zuschauern in der Johanniskirche. Dort legte der Göttinger Literaturherbst so richtig los.

Robert Seethaler konnte 2020 sein Buch „Der letzte Satz“ nicht vorstellen. Jetzt kam er zum Göttinger Literaturherbst und füllte die Johanniskirche im Zentrum der Stadt.

Göttingen – Die Johanniskirche ist wieder da: Noch nicht eingeweiht und mit abgedecktem Sandsteinfußboden sind am Freitagabend etwa 500 Besucher in die künftige „Kulturkirche“ gekommen, um – natürlich – Kultur live unter 2-G-Bedingungen zu erleben. Klasse-Kultur – mit dem Schriftsteller Robert Seethaler, dessen Roman „Der letzte Satz“ und Moderator Stephan Lohr zum großen Auftakt beim Göttinger Literaturherbst in St. Johannis.

Stephan Lohr und Robert Seethaler kennen sich schon länger, sind ehrlich per Du unterwegs. Zum lockeren Einstieg fragt Lohr: „Weißt Du eigentlich, wo wir uns das erste Mal zu einer Lesung getroffen haben?“ Seethaler verneint. Lohr schmunzelt: „In Hitzacker – in der Johanniskirche!“

Und dann zeigt Seethaler das, was für einen Moderator der schmale Grad zwischen Geschenk und Alpbraum sein kann: Der Autor ist ein eckiger, launiger Typ. „Bewusst mache ich eigentlich nix im Leben, mit Plänen habe ich es nicht so“, antwortet er auf die Frage, ob die Schriftsteller-Karriere geplant gewesen sei. Aber: Humor hat dieser Robert Seethaler auch, einen verschmitzten, dessen Pointen unerwartet kommen: „Es ist halt ein kleines Wunder passiert“, ergänzt er und meint den Weg, der ihn zum großen Schriftsteller gemacht hat, einem Schreiber, der eigentlich nicht gerne schreibt. Der sich dabei quält, der die Wörter herauspresst, manchmal wie in Zeitlupe in einem zähen, langen Prozess.

Am Ende aber stehen wunderbare Bücher wie „Ein ganzes Leben“, „Der Traffikant“ und eben das jüngste aus 2020 „Der letzte Satz“, aus dem er in der Johanniskirche zwei längere Passagen liest, und zwar so, dass die Zuhörer nicht nur unangestrengt folgen, sondern auch darin versinken können. Die Bilder prägen sich ein, egal an welchem der Spielorte, ob in Toblach oder Paris, ob im Zimmer, wo der Musiker Gustav Mahler – ja, DER Gustav Mahler – wieder zum Musikschreiben zurückfinden will, oder im Atelier des spleenigen Bildhauers Godin Modell für eine Büste sitzt.

Seethaler schildert in dem schmalen Buch hoch konzentriert die Lebenskrise, ja die letzte Reise des großen Künstlers Mahler, der sein Leben reflektiert, und das an eindrücklichen Orten – wie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Mit Schiffen übrigens hat Robert Seethaler so „gar nix am Hut“, weil der Österreicher den Blick in die Weite auch in den Bergen haben kann. Das Erstaunliche – oder auch nicht: Dem Zuhörer drängt sich auf, dass der Seethaler wie der Mahler in Godins Atelier reagieren könnte.

Und dann spricht Seethaler wieder von dieser Quälerei des Schreibens in der dunklen Ecke seiner Berliner Wohnung. Stephan Lohr versucht, die Laune mit einem humorvollen Kompliment zu heben: „Du bist ein großartiger Schriftsteller! Bist Du jetzt zufrieden?“ Der Gelobte schmunzelt. So schroff er auch wirkt, er hat Humor. Souverän pariert Lohr übrigens die deutlichen Korrekturen Seethalers, dem einmal das Wort „Modell“ für einen „Menschen“ nicht passt. Der auch auf die durchaus überflüssige Frage, ob er bei der Hörbuchfassung, gesprochen von Mathias Brandt, etwas über sein Buch gelernt hätte, entgegnet: Er habe natürlich nichts gelernt, er habe es ja geschrieben.

Seine Sprache im Buch „Der letzte Satz“ ist beeindruckend: klar, präzise. Details arbeitet er fein heraus und liefert scheinbar nebenbei Unvergessliches, wie in einer Passage jenes „Fünkchen im Nebel des Unterbewussten“.

Wer mehr wissen will, sollte das Buch lesen. Zu viel mag denn auch Robert Seethaler in der Johanniskirche nicht hören lassen. „Das Buch ist zu schmal“, lächelt er. Der letzte Satz in der letzte Satz, oder besser der Schluss, ist übrigens auch ein starker.

Fazit: ein authentischer, akzentuiert lesender Robert Seethaler, ein wunderbares Buch, ein starker Moderator Stefan Lohr in der Kulturkirche St. Johannis. Ein toller Abend. (Thomas Kopietz)

Robert Seethaler, „Der letzte Satz“, Hauser-Verlag, 126 S., 19 Euro.

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