Göttinger Literaturherbst Wissenschaftsreihe

May Thi Nguyen-Kim: Wenn die T-Zellen richtig loslegen

Mai Thi Nguyen-Kim im Gespräch mit Uni-Präsident Metin Tolan beim Göttinger Literaturherbst.
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Wissenschaftsvermittlerin und -erklärerin: Mai Thi Nguyen-Kim im Gespräch mit Uni-Präsident Metin Tolan beim Göttinger Literaturherbst.

Die YouTuberin, Chemikerin und Wissenschaftserklärerin Mai Thi Nguyen-Kim lieferte einen unterhaltsamen Literaturherbst-Abend in Göttingen mit persönlichen Einblicken.

Sie ist dank ihres YouTube-Kanals „maiLab“ und nun auch der eigenen Show in ZDF-Neo „die“ Wissenschaftskommunikatorin Deutschlands. Wenn es einen Beweis benötigt hätte, dann liefert den der Göttinger Literaturherbst am Donnerstag, als 700 (!) die Lesung von Mai Thi Nguyen-Kim in der nagelneuen Sheddachhalle im Sartorius-Quartier erleben. Und das in Überlänge: Der TV-Profi überzog um fast 45 Minuten, das erfreute das Publikum. So hatte die Veranstaltung aber auch ein paar Längen.

Mit Mai Thi ist man per Du, und sie ist es auch mit dem – gar nicht so jungen – Publikum. Da stört auch nicht, dass die jünger wirkende Chemikerin bereits 34 und junge Mutter ist. Den Entstehungsprozess von „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ nutzt sie zu einem – etwas zu langen – Exkurs in ihr Leben.

Der Einstieg in die Lesung ist dann dann ein reizender Rückblick auf erste Schreibereien: Mai Thi stellte als Kind in einem bunten Werk ihre Familie vor und sagt, warum sie dann den Traumberuf Schriftstellerin dem Chemie-Studium opferte „Weil mein Vater mir einfach alles über die Chemie erklären konnte.“

Ihr Buch, das sie eigentlich gar nicht schreiben wollte, ist eine großartige Auseinandersetzung mit großen Streitfragen der Wissenschaft und heutigen Info-Welt. So prüft Mai Thi aufwändig recherchiert auch Themen, die durch Corona noch an Brisanz gewonnen haben – wie das Impfen, auf das sie als Chemikerin einen eigenen Blick hat: So tat ihr die eigene Tochter „total leid“, als sie nach Impfung eins stark fieberte. Als Chemikerin aber freute sie sich darüber, „dass die T-Zellen im Körper so richtig loslegten“.

Impfgegner möchte Mai Thi aber auf keinen Fall stigmatisieren, Schubladendenken gibt es für sie nicht. „Vieles beruht auf Desinformation“ – auch durch Verschwörungstheoretiker. Lachen muss Nguyen-Kim, dass auch sie in einem Verschwörungsnetzwerk – der Impfmafia – auftauchte.

Ein Thema ist auch Pharmaunternehmen/Schulmedizin gegen Alternative Medizin. Mai Thi wägt fein ab und kommt zum Ergebnis: Alternative Heilmethoden können die Schulmedizin ergänzen, nicht aber ersetzen. Als Ersatz ist sie gerfährlich, so bei Krebspatienten, dafür nennt sie tödliche Beispiele.

Im abschließenden lockeren Gespräch mit Göttingens Uni-Präsident Metin Toan sagt Mai Thi Nguyen-Kim worauf es ihr vor allem ankommt: „Alles was ich will, ist, dass man sich auf Evidenzen einigen kann.“ Also darum, dass Menschen einsichtig sind, wenn ihnen klar Belegbares vermittelt wird. Eben das, was tägliches Brot viele Ärzte im Umgang mit Patienten ist.

Mai Thi Nguyen-Kim beweist an diesem Abend, was Wissenschaftjournalismus allgemeinverständlich leisten kann: Streitfragen auf Basis von Daten zu betrachten und zu bewerten. Dass sie das schafft und die „Diskussionsklimakrise“ mindern will, ist ihr hoch anzurechnen. Damit wirkt sie gegen das, was sie diagnostiziert hat: Einen Empathie-Verlust im Umgang mit verschiedenen Meinungen und Positionen.

Mai Thi fasst das in dem Wort die „Diskussions-Klima-Krise“ zusammen. Dass diese gemildert oder überwunden werden kann, daran arbeitet sie ernsthaft, aber auch mit einer Portion Humor und Zuversicht.

Das wiederum lässt Mai Thi Nguyen-Kim auch mit nicht zu tolerierenden, teils persönlich verletzenden Kritiken von Seiten derer fertig werden, die sie dennoch keineswegs als Unerreichbare abschreibt. Ihr Buch ist übrigens ein wunderbarer Geschenktipp – auch generationsübergreifend. (Thomas Kopietz)

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