Wenn die Eltern entlarvt werden

Premiere „Angst vor Teenagern“ im Deutschen Theater

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Dusche für die aufmüpfige Tochter: „Ephebiphobia – Angst vor Teenagern“ hatte Premiere im Deutschen Theater mit Felicitas Madl als Tochter, Andrea Strube als Mutter und Andreas Jeßing.

Göttingen. Lang anhaltender Beifall und Trampeln belohnte die ausverkaufte Premiere des Stückes „Ephebiphobia - Angst vor Teenagern“ auf der Studiobühne des Deutschen Theaters Göttingen.

Die britische Theaterautorin Tamsin Oglesby nimmt darin die Konflikte zwischen dem rebellischen Teenager Fran und ihren überforderten Eltern El und Jim unter die Lupe. Mit der Zeit werden die Hintergründe und Abgründe deutlicher, der Machtmissbrauch der Eltern, das Überfordern der Tochter, die Überforderung der Eltern, ihre kaputte Ehe, Lebenslügen, Versagensängste, die gescheiterte Künstlerkarriere des Vaters.

Die Therapiesitzungen der Familienmitglieder bringen zwar keine Handlungsvorschläge hervor, was besonders Fran zur Weißglut bringt, aber der Zuschauer versteht langsam, was das junge Mädchen wirklich beschäftigt und bedrückt. Nur: Das kann sie leider mit ihren Eltern nicht besprechen. Dazu fehlen Vertrauen und Respekt, auf beiden Seiten.

Auch gelegentliche harmonische Momente, bezeichnenderweise meist zu zweit, schlagen schnell in Aggression um.

Am Ende ahnt man, dass Fran – vielleicht – dabei ist, erwachsen zu werden und dass die Eltern - vielleicht - spüren, dass Liebe wichtiger ist als Leistung und „Kadavergehorsam“.

Die drei Schauspieler überzeugen, spielen die ganze Gefühlsklaviatur rauf und runter. Felicitas Madl gibt die 16-jährige Fran, von den Eltern immer noch realitätsblind „Mäuschen“ genannt, mit vollem Körpereinsatz, auch bei den Selfies. Ihre Eltern werden von Andrea Strube und Andreas Jeßing mit erschreckendem Realismus gespielt, ja entlarvt.

Der Zuschauer kommt sich vor wie ein Voyeur. Das liegt auch am stimmigen Bühnenbild von Florian Barth, das mit seinen Fenstern wie ein Guckkasten wirkt.

Die vielen Szenenwechsel erfolgen mit geschicktem Einsatz von Licht, Musik und wechselnden Kostümen (ebenfalls von Florian Barth). Regie führt Antje Thoms, Dramaturgin ist Sara Örtel.

Das vielschichtige Stück, das Christian Wittmann übertragen hat, bietet reichlich Stoff zum Nachdenken. Und viel zu lachen gibt es auch.

Von Anne-Lise Eriksen

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