Nah an der Belastungsgrenze

Wenn Eltern die Krise bekommen: Chancen und Nachteile für Familien in Corona-Zeiten

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Eine Mutter befestigt mit ihrer Tochter ein selbstgemaltes Bild am Zaun eines geschlossenen Kindergartens in Pattensen. Eltern kommen nach fünf Wochen ohne Schule und Kita an ihre Belastungsgrenze.

Göttingen – Viele Mütter und Väter haben auf eine Normalisierung des Alltags nach den Osterferien gehofft. Doch nach den Entscheidungen zur Wiederaufnahme des Schulunterrichts ist klar: Normalität wird es für Schüler und auch Kindergartenkinder vorerst nicht geben.

Was für die Erziehungsberechtigten zum Quarantäne-Koller zu werden droht, kann nach Einschätzung des Göttinger Bildungsforschers Gerald Hüther den Kindern und Jugendlichen viele Chancen bieten. „Möglicherweise lernen sie im Augenblick mehr für ihr späteres Leben, als wenn sie nur zur Schule gingen“, sagte der Neurobiologe und Bildungsforscher am Freitag. „Sich als Entdecker und Gestalter auf den Weg machen, schwierige Situationen meistern, Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen: Darauf kommt es für ein gelingendes Leben viel mehr an, als auf gute Schulnoten und Abschlusszeugnisse.“

Eltern überlastet

Allerdings – dieses Problem sieht auch Hüther – kann das Fehlen vertrauter Strukturen und Anforderungen sowie die räumlichen und sozialen Begrenzungen aufgrund der Corona-Bestimmungen auch dazu führen, dass einige Heranwachsende „den ganzen Tag herumhängen“. Viele Kinder litten darunter, dass sie im Moment keine Freunde treffen können. Die Langeweile der Kinder könne so schnell zu einer Überforderung der Eltern führen.

Die sind seit der Schließung der Schulen und Kitas plötzlich rund um die Uhr und ohne Unterstützung für Betreuung, Bildung und Versorgung ihres Nachwuchses zuständig. Sie sind Spielgefährten, Erzieher, Lehrer, Koch, Reinigungskraft und – quasi nebenbei – arbeiten sie auch noch in ihrem normalen Job. „Die Wirtschaft kann nur funktionieren, wenn Eltern entlastet werden“, kritisiert die Soziologin Katja Möhring. „In den Geschäften, die jetzt wieder öffnen dürfen, arbeiten Eltern.“ Die Politik müsse die Kinderbetreuung viel stärker berücksichtigen, fordert sie.

Seit dem 20. März untersucht sie gemeinsam mit anderen Mannheimer Forschern, wie die Krise das Leben der Menschen in Deutschland beeinflusst. Demnach haben Familien ihre sozialen Kontakte fast komplett heruntergefahren. „Das ist eine beeindruckende Leistung. Die Frage ist, wie lange das Eltern durchhalten können“, sagt Möhring.

Nachhaltiges Lernen

Wie gut eine Familie die Krise bewältigt, hängt maßgeblich davon ab, dass die Beziehungen der Mitglieder intakt sind. Wer beengt wohnt, sei besonders gefordert, sagt der Kinderpsychiater Burkhard Neuhaus. Bildungsforscher Gerald Hüther appelliert an Familien, die Spannung auszuhalten. Für die Kinder habe die Langeweile nach Erkenntnissen der Hirnforschung auch positive Seiten: „Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass im Gehirn ein Impuls für Neues entsteht.“ Dieser Impuls könne die Freude am selbstbestimmten Lernen wecken, so der Wissenschaftler weiter. „Und dieses Lernen ist das nachhaltigste Lernen überhaupt.“

Den Eltern empfiehlt Hüther geduldig abzuwarten, bis die Kinder von selbst Fragen stellten, anstatt sie voreilig zu belehren. „Kinder sind keine Zahnpastatuben: Durch stärkeres Drücken kommt nicht mehr raus“, sagte Hüther. Dennoch könnten Eltern gute Rahmenbedingungen für selbstbestimmtes Lernen schaffen, etwa indem sie ihre Kinder zum Entdecken ihrer Umwelt anregten.

Ein weiterer positiver Aspekt für Hüther ist die öffentliche Anerkennung der als systemrelevant eingestuften Berufe. „Das sind durchweg Berufe, für die anderes wichtiger ist, als eine besonders gute Abiturnote“, betonte Hüther. So sei die Zeit der Schulschließung auch eine Chance für Jugendliche, „lebensnah und ohne Druck zu herauszufinden, was einen wirklich interessiert und Spaß macht“.  mit epd und dpa

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