Lehrer und Eltern erstellen Test-Kits

Wenn Lehrer auch Verpacker von Corona-Test-Kits sind

Untypische Lehrerarbeit: Mathias Behn, stellvertretender Schulleiter am Theodor-Heuss-Gymnasium in Göttingen, bei der Zusammenstellung von Schnelltest-Kits.
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Nicht gerade typische Lehrer-Arbeit: Mathias Behn, stellvertretender Schulleiter am Theodor-Heuss-Gymnasium in Göttingen, bei der Zusammenstellung von Schnelltest-Kits.

Diskussionen um den Kurs der Schulpolitik in Niedersachsen wegen Schulschließungen und darüber, dass Lehrer und Eltern großer Schulen Corona-Test-Kits zusammenstellen.

Göttingen - Niedersachsen will sich bei Schulschließungen nun doch an die Bundes-Notbremse halten. Weiterführende Schulen sollen wie vom Bund beschlossen ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 165 schließen und nicht ab einem Wert von 100, sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Zuvor hatte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) noch Distanzunterricht ab einer Inzidenz von 100 angekündigt „Auch wenn ich von alleine nicht auf die 165 gekommen wäre, aber wenn wir dann Veränderungen vornehmen, ist es auch sinnvoll, sich an einer bundeseinheitlichen Grenze zu orientieren“, sagte Tonne.

Ein Datum nannte er nicht. „Wenn es dann doch später wird, ist die Enttäuschung groß. Wir warten jedenfalls keinen Tag länger als nötig, sondern handeln so schnell wie möglich, wenn die Testungen und auch die Meldeketten einwandfrei funktionieren“, so Tonne. Zunächst müssten die Tests für Schüler und Lehrpersonal verlässlich funktionieren.

Das sei in Niedersachsen noch nicht hundertprozentig der Fall. Es gebe immerhin 3000 Schulen zu beliefern, da ruckele es noch an der einen oder anderen Stelle. Kritik an Tonnes Ankündigung ab Mitte Mai Wechselunterricht in allen Schulen zu ermöglichen, auch wenn der Inzidenzwert über 100 liegt, kommt vom Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL): Diese Äußerung Tonnes sei „unverantwortlich“.

Die Selbsttests und Impfangebote für alle an Schulen Tätigen reichten für eine erweiterte Schulöffnung nicht aus. „Die Selbsttests geben einen Momentzustand wieder, sind daher nur bedingt als Schutz anzusehen, erst recht, wenn sie nur zweimal die Woche erfolgen und bei Abschlussprüfungen ausgesetzt werden“, so der Vorsitzende Torsten Neumann.

Am Göttinger Felix-Klein-Gymnasium (FKG) wird in dieser Woche das zweimalige Testen pro Schüler erstmals möglich sein, da genügend Tests angekommen sind, wie Schulleiter Michael Brüggemann auf Anfrage berichtet.

In vielen größeren Schulen ruckelt – um in der Sprache des Ministers zu bleiben – es beim Testen vor allem aufgrund der Art und Weise, wie die Testkits versendet werden und dort ankommen: in großen Paketen. In den Schulen müssen sie deshalb passend für das Verteilen an die Schüler „konfiguriert werden“: Die Teststäbchen müssen aus 20er-Packs herausgetrennt und zusammen mit der Beschreibung und den anderen „Bauteilen“ für die Schüler in Umschläge oder Tüten verpackt werden.

Dafür sorgen am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) Lehrer samt Schulleiterin Andrea Riedel und Stellvertreter Mathias Behn – und das weit über die Arbeitszeit hinaus. Zudem packen engagierte Eltern mit an. Am THG wollte man das so nicht weiter mitmachen, überlegte, die Pakete an den Verteiler, das Logistikzentrum Niedersachsen (LZN) in Hann. Münden, zurückschicken. „So weit werden wir nicht gehen“, sagt Behn, aber im Kollegium werten viele das Erstellen der Test-Kits als „Zumutung“ – in einer Zeit mit höchster Beanspruchung wie Abitur und dem für Lehrer „verheerenden Szenario B mit Wechselunterricht“, so Behn. Die Erstellung der Test-Kits sei nur zu leisten, weil sich Mitarbeiter aufopfern und die Eltern stark helfen.

Eine Zusatzarbeit, die vom Kultusministerium einkalkuliert wird: Mit den Großpackungen wurden nur große Schulen beliefert, teilt Sprecher Sebastian Schumacher mit. „Erstens, weil die Gleichung ‘große Schule = große Lieferung‘ logistisch sinnvoll ist und zweitens, weil an diesen Schulen mehr Personal zur Verfügung steht, wie auch pädagogische Mitarbeiter.“ Daher seien vor allem „die großen Systeme IGS und BBS mit den Großpackungen beliefert worden“.

Der Grund dafür, dass Schulen diese erhalten, sei die angespannte Marktlage. „Der Bedarf an Selbsttests ist weltweit so hoch, dass unterschiedlichste Anbieter und Modelle bestellt werden müssen“, so Schuhmacher. Deshalb beschaffe das LZN „sehr breit von vielen Anbietern“. Grundsätzlich wolle das Ministerium „schnellstmöglich weg von diesen Lieferungen“ und der Kit-Zusammenstellung in Schulen. Denn im Kultusministerium in Hannover könne man sich durchaus vorstellen, „dass in den betroffenen Schulen keine Begeisterung darüber vorherrscht“.

PS: Am THG ging am Freitag eine Charge mit bereits fertigen Test-Kits ein. (Thomas Kopietz, mit dpa)

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