Wenn der Postbote haften muss: Verdi beklagt Regress-Forderungen

Bequem für die Kunden und den Post-Mitarbeiter: Pakete und Päckchen können inzwischen auch an Packstationen – wie hier in Göttingen – geliefert werden. Dort können die Sendungen jederzeit abgeholt werden. Foto: Schlegel

Göttingen. In der Vorweihnachtszeit haben die Paket- und Briefdienste alle Hände voll zu tun. Hintergrund: Vieles wird inzwischen online bestellt. Wenn dann aber mal eine Sendung nicht ankommt, können die fleißigen Helfer unter Umständen in Regress genommen werden.

Die Gewerkschaft Verdi beobachtet bei der Deutschen Post AG in den vergangenen Monaten verstärkt, dass Brief- und Paketdienstmitarbeiter in Haftung genommen werden, berichtet Gewerkschaftssekretär Joachim Schwiderke von Verdi Göttingen. Auch in Südniedersachsen wurde in den vergangenen Monaten ein halbes Dutzend dieser Fälle bekannt. Mehrere hundert Mitarbeiter sind in Südniedersachsen für die Post in der Zustellung tätig.

Da reicht es, wenn ein Paket mit wertvollem Inhalt beim Nachbarn abgegeben wird und später den eigentlichen Empfänger nicht erreicht. „Das wird vom Arbeitgeber bereits als grobe Fahrlässigkeit ausgelegt“, berichtet Schwiderke. Folge: Der Mitarbeiter soll den Schaden aus eigener Tasche ersetzen. „Das können schon mal mehrere hundert Euro sein. Da ein Brief- oder Paketzusteller in der Regel etwa 2000 Euro brutto verdient, haut das natürlich rein.“

Aus Sicht der Deutschen Post ist das Problem nicht so groß: Einem Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro stehen Regressansprüche von lediglich einer Million Euro gegenüber. Außerdem haben die Post-Mitarbeiter nach Darstellung des Pressesprechers problemlos die Möglichkeit, Regressforderungen beim Abgeben von Sendungen bei Nachbarn zu verhindern.

„Das muss nur sauber dokumentiert werden“, sagt der Sprecher weiter. Der Nachbar müsse auf dem Handscanner unterschreiben. „Dann ist der Mitarbeiter aus der Haftung raus.“ (bsc)

Verdi: Betroffene sollten sich beraten lassen 

Verdi Göttingen bekommt immer wieder Anfragen von Mitarbeitern, die sich Regress-Forderung gegenüber sehen, weil ein Paket nicht angekommen ist. Die Gewerkschaft hat Tipps für die Betroffenen. Außerdem gibt es eine Notfallkarte.

„Wir empfehlen den Kollegen, im Zweifelsfall durch ein Gerichtsverfahren feststellen zu lassen, ob sie Schuld hatten“, sagt Gewerkschaftssekretär Joachim Schwiderke von Verdi Göttingen. Nach den Beobachtungen von Schwiderke und anderen Gewerkschaftssekretären unterstellt die Post regelmäßig „grobe Fahrlässigkeit“ oder „Vorsatz“. Nach seinen Angaben stellt sich oft aber hinterher heraus, dass der Mitarbeiter gar nicht schuld war.

Verschiedene Fälle 

Ärger gibt es auch wegen anderer Fälle: Dazu zählen Unfälle mit den Postfahrzeugen, das Betanken mit falschem Kraftstoff (Benzin statt Diesel in den Tank), nicht kassierte Nachnahmesendungen, Falschauslieferungen oder Kassenfehlbeträge. Verdi hat deshalb eine Notfallkarte entwickelt, die den Fahrern bei der Post und anderen Logistik-Dienstleistern helfen soll. Bei denen ist es mit den Regress-Forderungen an Mitarbeiter zum Teil ähnlich problematisch wie bei der Post, so Schwiderke. Er rät Betroffenen, sich vor einer Zahlung in jedem Fall beraten zu lassen.

Der Pressesprecher der Deutschen Post AG betont, dass die Höchstgrenze für Regressforderungen bei maximal drei Monatsgehältern liegt. Außerdem könne der Mitarbeiter zu Vorwürfen natürlich Stellung nehmen. Der Fall werde dann entsprechend geprüft. (bsc)

Kontakt:

Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Göttingen
Groner-Tor-Straße 32, 37073 Göttingen

T el. 05 51/5 48 50-0, E-Mail: gst.goettingen@verdi.de www.verdi.de 

 

Hintergrund

Notfallkarte für Logistik-Mitarbeiter 

Für Mitarbeiter bei der Post und anderen Logistik-Dienstleistern gibt es eine Notfallkarte. Darauf steht, was sie im Schadensfall, zum Beispiel nach einem Unfall, tun sollten.

• Hole tief Luft und beruhige dich

• Hole gegebenenfalls Hilfe und leiste Erste Hilfe

• Informiere Deinen Arbeitgeber

• Mache nur Angaben zu Deiner Person

• Bevor Du schreibst, frage Deinen Betriebsrat

Quelle: Bewegen, Ausgabe 7/2014

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