Gespräch mit Autorin Lamya Kaddor

Interview: Wenn die eigenen Schüler in den Dschihad ziehen

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Islam-Unterricht an einer Schule in Dinslaken: Die Lehrerin Lamya Kaddor vermittelt Wissen über die Religion. 

Göttingen. Sie hat als Lehrerin erleben müssen, was Lehrer nicht erleben wollen: Ehemalige Schüler sind nach Syrien gegangen, um als islamistische Kämpfer zu töten. 

Lamya Kaddor hat ein Buch darüber geschrieben, das sie am Montag auch in Göttingen vorstellt. Wir haben mit der Autorin gesprochen, die seit 2003 in Dinslaken als Lehrerin für islamischen Religionsunterricht an einer Sekundarschule arbeitet, mehr als 1000 Schüler muslimischen Glaubens unterrichtet hat und über einen riesigen Erfahrungsschatz verfügt.

Frau Kaddor, wie ist das, wenn eine Lehrerin erfährt, dass ehemalige Schüler als Kämpfer in den Dschihad gezogen sind?

Lamya Kaddor: Ich war geschockt, konnte und wollte es zunächst nicht glauben. Ja, es war ein Schock.

Warum haben Sie das Buch „Zum Töten bereit“ geschrieben?

Kaddor: Aus der Betroffenheit heraus, weil es meine ehemaligen Schüler waren. Und aus der Betroffenheit heraus, dass sie in das Land meiner Eltern ausgereist sind, was für mich eine Art Fernheimat darstellt. Und drittens: Ich beschäftige mich als islamische Religionslehrerin mit der Frage, was dahintersteckt, wenn Menschen so etwas machen, oder andere junge Menschen dazu aufrufen, es zu machen.

Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass Muslime in Deutschland eine mangelnde soziale und emotionale Integration erfahren. Was heißt das?

Kaddor: Emotionale Integration beschreibt das Gefühl der Heimat, der Identität, aber auch die Frage: Wie stark fühle ich mich verbunden mit diesem Land Deutschland, mit dieser Kultur, mit den Menschen, mit den Werten, mit den Grundrechten. Und die Identität mit diesen Werten fehlt eben vielen Muslime hier in Deutschland. Das gilt aber nicht nur für muslimische Jugendliche oder solche mit Migrationshintergrund. Auch deutschen Jugendlichen geht es zum Teil so.

Ist diese mangelnde Identität und fehlende emotionale Bindung ein Grund dafür, dass sich junge Menschen von Salafisten anwerben lassen?

Kaddor: Definitiv. Wenn ich mich verloren fühle, meinen Platz in diesem Land nicht kenne oder finde, weil er mir nicht geschaffen wird, dann entsteht ein Vakuum. Und genau das versuchen Salafisten, aber auch andere wie Rechtsradikale auszufüllen. Die Mechanismen sind gleich. Und deshalb ist es ja so gefährlich. Deshalb brauchen wir politische Bildung und Aufklärung in diesem Bereich.

Die Jugendlichen, die sich anwerben lassen, haben also gar nicht unbedingt eine Tendenz zur Gewalt?

Kaddor: Nein, das haben sie nicht. Es geht den Fängern, ob Salafisten oder Rechten, zunächst in ersten Gesprächen darum, zu erfahren, ob sich die Jugendlichen in dieser Gesellschaft, in der Familie, in ihrem eigenen Ich verloren fühlen. Also geht es für die Fänger um die Frage, ob sie aus diesem Jugendlichen etwas herausholen können, ihm eine Plattform zum Rebellieren geben können. Das bekommen sie in zwei, drei Gesprächen heraus. Erst dann kommt die Ideologie ins Spiel.

Hatten die, die dann nach Syrien als Kämpfer gingen, als Basis einen religiösen Hintergrund?

Kaddor: Nein. Manche waren vorher fast anti-religiös. Sie hatten oft keine klare Vorstellung. Aber das ist doch klar: Salafisten suchen sich doch keine super gebildeten, im Islam versierte Menschen, weil sie wissen, die kann man schlechter manipulieren. Wenn sie mehr über den Islam wissen, dann sind sie viel stabiler, also nicht leicht beeinflussbar.

Ist mehr Wissen und Bildung über den Islam auch für uns Deutsche ein Mittel gegen das Anwerben von Jugendlichen?

Kaddor: Natürlich. Das kennen wir doch aus dem Umgang mit dem Rechtsradikalismus. Die NS-Zeit und der Rechtsradikalismus wird doch intensiv in verschiedenen Schulfächern behandelt. Das ist auch richtig. Und genau so müssen wir damit umgehen, wenn wir über den Islam sprechen. Dann müssen wir auch über eine gewisse politische Spielform des Islam, den Islamismus, sprechen und dann auch über den Dschihadismus, aber eben nur als kleinste Rubrik im Islam.

Wo kann man ansetzen, um mehr Identität zu erreichen?

Kaddor: Wir brauchen eigentlich ein neues deutsches Wir. In Deutschland müssen wir uns verstärkt fragen, was unser Land heute ausmacht. Die Migranten fragen sich doch: Müssen wir uns voll in das System einpassen oder geht es darum, bestimmte Dinge und Vorstellungen anzunehmen? Noch einmal: Wir müssen uns darüber klar sein, was ist denn eigentlich Deutschsein. Das war auch bei der ersten Einwanderungswelle in den 60er-Jahren nicht klar. Und das müssen wir aufgrund falscher Politik heute ausbaden. Die Jugendlichen sind nicht umsonst so geworden.

• Lamya Kaddor, „Zum Töten bereit – Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen“, Pieper-Verlag, 250 S., 14,99 Euro, E-Book 12,99 Euro.

Lesung und Diskussion mit Lamya Kaddor, Montag, 21. September, 18.30 Uhr, Literarisches Zentrum Göttingen, Eintritt: 8/10 Euro.

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