Umjubelte Premiere

Schillers „Räuber“ im Deutschen Theater: Wenn Vaterliebe nicht genug ist

Figurenporträts als Videos im Bühnenhintergrund: Paul Trempnau (hier als Hausknecht, links) und Daniel Mühe (hier als Karl Moor).
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Figurenporträts als Videos im Bühnenhintergrund: Paul Trempnau (hier als Hausknecht, links) und Daniel Mühe (hier als Karl Moor).

Eine vielumjubelte Premiere von Schillers Drama „Die Räuber“ gab es am Deutschen Theater in Göttingen.

Göttingen – Karl! Kaahaarl, Krrrllll. Franzzzz, Franz! Schauspieler Daniel Mühe ruft die beiden Namen und testet verschiedene Artikulationen. Bestimmt, fragend, traurig. Karl, Franz: Daniel Mühe probiert Identitäten an wie Klamotten in der Kabine.

Lebenswege – warum verlaufen sie, wie sie verlaufen? Wo könnte man umsteuern? Für das Deutsche Theater in Göttingen inszeniert Moritz Beichl Friedrich Schillers emotionales Männer-Stück „Die Räuber“ und nimmt die Zuschauer mit in das Gedankenspiel, warum wir zu den Menschen geworden sind, die wir nun mal sind.

Das Drama erzählt Aufstieg und Fall der Brüder Moor, von denen sich der eine im Befreiungskampf radikalisiert, während der andere daheim zum Intriganten wird. Angetrieben sind Karl und Franz allerdings nicht von politischen oder karrieristischen Zielen, sondern vom Wunsch nach Liebe und Anerkennung des Vaters. Bis hin zum Mord. Sind sie ganz unterschiedliche Charaktere? Nein, zeigt der tosend beklatschte Abend. Denn hier werden beide Figuren von Daniel Mühe gespielt, mal mit aufgeknöpftem Hemd und Wuschelhaar, mal akkurat gescheitelt und mit einer Anzugjacke, die so krampfig wirkt, als trüge ein Konfirmand sie das erste Mal (Kostüme: Astrid Klein).

Karl und Franz sind zwei Versionen desselben Betriebssystems: Eine lohnende Regieidee, die viele Assoziationen aufwirft. Über weite Strecken des Abends werden diese aber nicht aufgegriffen: Da sind es einfach zwei Figuren, die Tatsache, dass Karl und Franz von derselben Person dargestellt werden, spielt lang kaum eine Rolle.

Abgesehen vom Namens-Sprech-Test zu Beginn und vom eindringlichen Schluss, einem Höhepunkt des Abends. Die Brüder sind am Ende, ihre Hoffnungen zerstört. Sie reden erstmals miteinander und Daniel Mühe tritt dafür in einen – fast wahnsinnig wirkenden – Dialog mit sich selbst, der schließlich von einer Tonbandstimme aus dem Off noch überlagert, verstärkt wird. Das erzeugt eine beklemmende Doppelbödigkeit, von der man sich mehr gewünscht hätte.

Vieles wirkt ansonsten noch unfertig an der Regiearbeit des jungen Teams. Warum etwa die Freischärler um Karl Moor, die hier machomäßig herumhampeln wie eine Provinzrockband, so gewaltgeil geworden sind, obwohl sie hehre Absichten hatten, bleibt analytisch unklar.

Auch der Werdegang des jüngeren, vom Vater weniger geschätzten Sohnes Franz, der sich in seinen Rachegelüsten verschanzt, wird auf der kargen Spielfläche kaum beleuchtet. Von vornherein ist er hier ein emotionsgebeutelter Schuft. Die dauerrotierende Drehbühne, deren Symbolkraft für die Vergeblichkeit des Strebens aller Figuren (auch Volker Muthmann, Anna Paula Muth, Paul Trempnau und Bastian Dulisch) man schnell begriffen hat, nutzt sich ab.

Zu dem reduzierten Bühnen-Setting steuert Künstler Moritz Hils großartige Videos bei. Etwa riesenhafte Porträts der Darsteller, die wie Rauminstallationen wirken. Höhepunkt dieser digitalen Erzählebene ist ein Film über Amalia (Anna Paula Muth), die sowohl von Karl als auch von Franz begehrt wird. Allerdings könnte der Film mit dem Bühnengeschehen deutlich enger verbunden sein, denn er ist im Kern eine großartige Parallelerzählung zum Hauptthema des Abends: die Ich-Findung. Amalia stolziert in dem lauten, eindringlichen Musikvideo unter den Blicken von Statuen – Männern – mal keusch in Weiß einher, dann wieder tanzt sie sich in BH und Blazer selbstversunken in sinnliche Ekstase. (Bettina Fraschke)

Weitere Vorstellungen am 2. und 14.7., Kartentelefon: 0551/ 49 69 300.

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