Münchner Unternehmen investiert 180 Millionen Euro

Wertgrund baut 600 Wohnungen auf Gothaer-Areal in Göttingen

Gothaer-Areal
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Auf dem Gothaer-Areal finden letzte Abrissarbeiten statt. In den kommenden Jahren entsteht dort ein neues Wohnquartier mit 600 Wohnungen sowie 600 Studierenden-Appartements.

Nach einem erneuten Eigentümerwechsel sieht es gut aus für die Bebauung des riesigen Gothaer-Areals: Die Münchener Wertgrund will im rückwärtigen Bereich des einstigen Hauptsitzes der Gothaer Versicherung zwischen Geismar Landstraße und Wörthstraße für 180 Millionen Euro 650 Wohnungen bauen.

Göttingen – 40 Prozent bietet sie zu besonders günstigen Mieten an – Sozialwohnungen (6,10 Euro Miete pro Quadratmeter) sowie preiswerte Wohnungen (7,50 Euro Miete pro Quadratmeter). Das teilt der Vorstandsvorsitzende, Thomas Meyer, mit.

Außerdem wird es – verteilt über das Quartier – zehn Wohnungen für Menschen geben, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder mit Suchtproblemen kämpfen. Dazu hat sich Wertgrund in einem städtebaulichen Vertrag verpflichtet. „Für eine solche Chance für Chancenlose haben wir uns eingesetzt“, zeigt sich Ratsherr Edgar Schu (Linke) erfreut.

Den Bauantrag für die günstigen Wohnungen will Wertgrund bis Jahresende stellen, kündigt Meyer an. Sobald die Baugenehmigung erteilt ist, hat Wertgrund dann gemäß städtebaulichem Vertrag zwei Jahre lang Zeit, die Gebäude zu errichten, betont der Vorsitzende des Göttinger Bauausschusses, Hans Otto Arnold (CDU) aus. Bei den frei finanzierten Wohnungen hat das Unternehmen zeitlich mehr Luft. Wertgrund wird auch einen Spielplatz, Spielflächen und bis Mitte 2024 eine Kindertagesstätte mit bis zu vier Gruppen schaffen.

Die günstigen Wohnungen werden nach dem energetischen Standard eines KfW-Effizienzhauses 70 errichtet, die übrigen nach dem eines KfW-Effizienzhauses 55. Die Münchner verpflichten sich zudem, die Wohnhäuser an das Fernwärmenetz der Stadtwerke Göttingen anzuschließen und prüft zudem eine Begrünung der Dachflächen. „Für alle diese Punkte haben wir uns starkgemacht“, sagt der grüne Fraktionsvorsitzende, Rolf Becker.

Die Münchner haben das etwas ein halbes Fußballfeld, 37 000 Quadratmeter große Gothaer-Areal von den Objektgesellschaften der BaseCamp Student und dem European Student Housing Fund erworben. Diese behalten die Fläche an der Geismar Landstraße, wo sie 600 Appartements für Studierende bauen wollen.

Die meisten Altbauten auf dem Areal sind seit 2019 abgerissen worden. Der Gebäude-Komplex ist vor dem Ersten Weltkrieg zunächst als Infanterie-Standort entstanden. Von 1936 an trug er den Namen Lüttich-Kaserne. 1950 siedelten sich dort die Gothaer Versicherungen an, die 1945 vom sowjetisch besetzten Thüringen aus nach Göttingen gekommen waren. 1991 begann das Unternehmen damit, die Mitarbeiterzahl erheblich zu verringern. Im Jubiläumsjahr 2020 war Göttingen mit 360 Beschäftigten und 120 Kundenberater im Vertrieb aber immer noch zweitgrößter Standort der Gothaer nach Köln.

Wertgrund ist in Göttingen bereits tätig. Das inhabergeführte Unternehmen, das mit 100 Mitarbeitern ein Immobilienvermögen von 1,5 Milliarden Euro managt, hat Anfang Februar auf dem ehemaligen IWF-Gelände am oberen Nonnenstieg damit begonnen die Baufläche vorzubereiten. Dort sollen 214 Wohnungen entstehen, von denen die ersten in zwei Jahren bezugsfertig sein sollen.

Der Wertgrund-Vorstandsvorsitzende Meyer lobt die „extrem gute Zusammenarbeit“ mit der Stadtverwaltung hervor. Wertgrund wird seine Wohnungen in Göttingen selbst vermieten und verwalten.

3000 bis 4000 Wohnungen entstehen: OB Köhler über den Wohnungsbau und das Gothaer Areal

Die fehlende Zahl von Wohnungen in der boomenden Wohnstadt Göttingen bis 2030 hat Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) einmal mit rund 5000 beziffert. Realistisch bezüglich neu entstehender Wohnungen sei in seiner Amtszeit das baurechtliche Planen von 3000 bis 4000 Wohnungen, sagt Köhler.

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler

Maßgeblich dazu beitragen werden vier Projekte, die in Planung oder bereits in Bau sind: „Grüne Mitte Ebertal“ süd-östlich der Innenstadt, das daran angrenzenden „Gothaer-Areal“, das Europaquartier“ am Holtenser Berg im Westen Göttingens und die Bebauung des ehemaligen IWF-Geländes in der Oststadt am Nonnenstieg.

Für das Gothaer-Areal an der Geismar-Landstraße hegte Köhler, der vor seiner Amtszeit als OB seit 1998 die kommunale Städtische Wohnungsbaugesellschaft geleitet hatte, einmal andere Pläne. Seine Idee war auch, über die öffentlichen Wohnungsbaugenossenschaften WG Göttingen, Volksheimstätte Göttingen und Städtische Wohnungsbaugesellschaft große Teile des Geländes entwickeln, bebauen und verwalten zu lassen. So gab es auch Gespräche mit dem jüngsten Käufer Base-Camp, einem luxemburger Unternehmen, das spezialisiert ist auf den Bau von Studentenwohnungen.

Extrem hohe, durch eine Weiterverkauf-Spirale getriebene Grundstückspreise machten das Agieren der Göttinger Genossenschaften unmöglich. Kommunaler Wohnungsbau habe keine Chance mit sozialem Wohnungsbau zum Zuge zu kommen, sagt Köhler. Weiterverkäufe von Investoren machten es unmöglich – auch am Beispiel Gothaer-Areal zu sehen. „Wir müssten als Staat die Spekulationsgewinne abschöpfen können, das würde helfen“, sagt Köhler und bezieht sich dabei auf die Vorstellungen des Parteikollegen und 2020 gestorbenen Jochen Vogel.

Grüne Mitte Ebertal: Bahnbrechendes Projekt der Städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Göttingen. Hier wird Bauminister Olaf Lies das erste fertige Haus gezeigt. Von links: Architekt Sergio Pascolo, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler, Bauminister Olaf Lies, Städt.- Wohnungsbau-Geschäftsführerin Claudia Leuner-Haverich und Sozialdezernentin Petra Broistedt.

Nun hat also Base-Camp den größten Teil des Gothaer Areals an die Wertgrund verkauft, die – auf Grundlage der städtischen Vereinbarungen und Forderungen – 650 Wohnungen bauen wird. Mit dem „Partner“ Wertgrund jedenfalls scheint laut Köhler ein solides Unternehmen zu agieren, dass nach dem Bauen auch den neuen Wohnungsbestand behalten und selbst verwalten wird.

Base-Camp hält zudem an seinem Plan fest, Ein-Zimmer-Appartements zu bauen und hat sich – vermutlich über den Verkauf des großen Teils des Gothaer-Areals an Wertgrund – das nötige Kleingeld dafür besorgt.

Diese aktuelle Entwicklung um das Gothaer Areal ist für Köhler durchaus vertretbar. Auch, weil er das Gelände immer im Zusammenhang mit der Sanierung und Neugestaltung des angrenzenden Quartiers „Grüne Mitte Ebertal“ sieht. Dort entstehen in einem kontinuierlichen Abriss-Neubau-Vorgang durch die Städtische Wohnungsbaugesellschaft und Architekt Sergio Pascolo aus etwa 450 Wohnungen 600. Gothaer-Areal und Grüne Mitte Ebertal sollen so zusammenwachsen, ein neues, großes Stadtquartier bilden.

„In dem innenstadtnahen Gebiet ist alles vorhanden, muss keine Infrastruktur gebaut werden – es gibt die Busanbindung, dann vier Kindertagesstätten, eine erweiterte Lohbergschule und weiterführende Schulen wie Hainberg-Gymnasium und IGS in der Nähe, dazu auch Ärzte. Das sind sehr gute Bedingungen.“ Köhler freut sich über viele neue Wohnungen in toller Lage, denn er hatte den Wohnungsbau als ganz großes Ziel seiner Amtszeit formuliert. Die endet noch 2021. Komplett hat er das Ziel aus seiner Sicht aber nicht erreicht.

Denn auch Rolf-Georg Köhler und die ganze Stadt wurden zurückgeworfen – durch die enormen Herausforderungen wie die Flüchtlingsaufnahme und die Corona-Pandemie. (Michael Caspar und Thomas Kopietz)

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