Busfahrer werden stärker wertgeschätzt

Wie die Pandemie den Alltag der Busfahrer in Göttingen verändert

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Befördert seit 38 Jahren Fahrgäste: Fahrer Mike Balkau und seine Kollegen von den Göttinger Verkehrsbetrieben werden mit Kunststoffscheiben im Stadtbus geschützt. 

Für Mike Balkau stand ganz früh fest: Ich will Busfahrer werden. Balkau ist heute 55 Jahre jung und – Busfahrer. 

Seit mittlerweile 38 Jahren befördert der Gieboldehäuser Fahrgäste von A nach B, früher unter anderem in Reisebussen, seit 1999 im Göttinger Stadtverkehr für die Göttinger Verkehrsbetriebe – und seit März 2020 unter Bedingungen, die er selbst nie für möglich gehalten hätte.

„Das was wir gerade mit Corona erleben sind eigentlich kriegsähnliche Zustände. Dass es mal zu Ausgangssperren und Kontaktverboten kommt, es Engpässe bei Klopapier und Nudeln gibt, es fällt einem schwer, das zu realisieren“, erzählt Balkau.

Als Busfahrer bekommt er die Auswirkungen der Krise auch im Berufsalltag deutlich zu spüren, denn die Göttinger Verkehrsbetriebe haben früh Schutzmaßnahmen für Mitarbeiter und Fahrgäste installiert – von der Absperrung des Fahrerraums, über die Bereitstellung von Desinfektionsmitteln und Mund-Nasen-Schutz bis hin zum vermehrten Einsatz von großen Gelenkbussen für die Fahrgäste, um Überfüllungen zu vermeiden. Auch der Verkauf von Fahrkarten war seit Mitte März und bis vor kurzem nur in den Kundenzentren oder online möglich.

Das hat sich geändert: Fahrzeuge wurden umgerüstet, sogenannte Makrolonscheiben als Art Spuckschutz in den Bussen eingebaut. Für Mike Balkau auch ein Stück zurück in den Alltag: „Man muss ehrlich sagen: Es fehlt einem etwas, wenn man so ganz alleine da vorne sitzt und es sonst gewohnt ist, relativ viel Kundenkontakt, auch beim Ticketverkauf, zu haben.“

Balkau schildert auch: „Viele Fahrgäste wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen und sind früher mit ihren Anliegen einfach locker auf mich zugekommen“, erzählt der Busfahrer, der außerdem das Schwätzchen zwischendurch mit den Stammfahrgästen vermisse. Das sei Dank der neuen Scheiben wieder öfter – wenn auch mit Einschränkungen – möglich.

Bis Ende Mai sollen 60 Prozent der mehr als 90 Fahrzeuge mit den Makrolonscheiben ausgerüstet sein. Ein Aufwand, der sich nicht nur als Maßnahme gegen Corona lohne. „Auch die gewaltsamen Übergriffe auf Busfahrer nehmen immer mehr zu. In Göttingen hält sich das zum Glück in Grenzen, aber in Berlin gehört ‚Busfahrer-Klatschen’, wie wir unter Kollegen sagen, leider fast schon zur Tagesordnung“, erzählt Mike Balkau.

Das Weniger an Kartenverkauf und Fahrgästen hat er anderweitig genutzt: „Dadurch, dass viele Menschen im Homeoffice arbeiten, sind die Straßen viel leerer und das Fahren ist entspannter geworden. Man achtet jetzt auch mal auf das kleine Vögelchen, das am Straßenrand sitzt und wirft einen Blick mehr in den Fahrgastraum“.

Dabei hat er eine interessante Feststellung gemacht: „Die Fahrgäste passen jetzt mehr untereinander auf und es ist eine höhere Fürsorgepflicht da.“ Ebenso freue er sich, dass sein Beruf nun mehr Wertschätzung erfahre. So werde er von Fahrgästen vermehrt mit Worten wie „Bleiben Sie gesund!“ oder „Passen Sie gut auf sich auf!“ verabschiedet. Besonders gerührt war Balkau, als ihn eine Kundin fragte, ob sie kurz an ihn herantreten dürfe, um ihm kleine Maikäferchen aus Schokolade zu überreichen – „als Dankeschön für die Kollegen zu Ostern“.

Das tut gut, sagt Balkau, der auch stellvertretender Betriebsratsvorsitzender ist. Deshalb weiß er, was hinter den Kulissen geleistet werden muss, um den Fahrbetrieb aufrechtzuerhalten. „Wir als Busfahrer können nur funktionieren, wenn im Hintergrund auch alles rund läuft.“ Seinen Kollegen in den Werkstätten, Kundenzentren und in der Verwaltung spricht Mike Balkau deshalb „ein großes Lob“ aus – ebenso der Geschäftsleitung, die alles tue, um uns und die Fahrgäste zu schützen – in Zeiten mit Auswirkungen, an die Mike Balkau niemals zuvor gedacht hat.

In Bussen mit Spuckschutz werden bereits wieder Fahrkarten verkauft

In den Stadtbussen, bei denen bereits die Spuckschutzwände nachgerüstet wurden, verkaufen die Fahrer seit Anfang vergangener Woche wieder Fahrscheine. Wer auf der sicheren Seite sein will, kann eine Fahrkarte für die Göttinger Verkehrsbetriebe (GöVB) im Vorverkauf erwerben. Dafür stehen das GöVB-Kundenzentrum an der Groner Straße, etwa 20 Vorverkaufsstellen im Stadtgebiet sowie Automaten im Bahnhof zur Verfügung. Wegen der Erfahrungen zu Beginn der Corona-Krise gibt es inzwischen wieder verstärkte Fahrscheinkontrollen. Fahrgäste ohne gültigen Fahrschein müssen dann mit einem „erhöhten Beförderungsentgelt“ von 60 Euro rechnen. Wer persönliche Kontakte meiden möchte, kann den GöVB-Luftlinientarif bargeld- und kontaktlos über die Smartphone-App „Fairtiq“ nutzen.

Weitere Informationen gibt es hier

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