Göttingen: „Will Anwalt für Verwandte werden“

Tahir Mutällip Qahiri wird deutscher Staatsbürger – Vater in China verurteilt

An seinem ersten Tag in Göttingen ging Tahir Mutällip Qahiri an dieser Statue von Georg Christoph Lichtenberg vorbei.
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An seinem ersten Tag in Göttingen ging Tahir Mutällip Qahiri an dieser Statue von Georg Christoph Lichtenberg vorbei.

Der Göttinger Doktorand Tahir Mutällip Qahiri kämpf seit Jahren für die Rechte seiner Familie in China. Der 39-Jährige stammt aus Xinjiang, dem autonomen Gebiet der Volksrepublik China.

Göttingen – Es erregt derzeit aufgrund seiner Unterdrückungspolitik gegenüber Minderheiten international Aufmerksamkeit. Qahiris Vater Mutällip Sidiq Qahiri war wegen „Anstachelung zu ethnischem Hass“ angezeigt (wir berichteten). Der heute 70-Jährige ist pensionierter Professor für uigurische Sprache und ehemaliger Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins der Universität Kashgar.. Nun wurde er zu einer 30 monatigen Haftstrafe auf vier Jahre Bewährung verurteilt, berichtet nun sein Sohn im Gespräch mit der HNA.

Herr Qahiri, als wir das letzte Mal gesprochen haben, hatten sie nach 17 Monaten Stille erstmals Kontakt zu Ihrer Familie. Wie sieht es heute aus?
Alle zwei Wochen rufe ich meine Eltern an. Normalerweise dauert das Gespräch etwa zwei Minuten. Dann wird es oft unterbrochen. Wenn ich in ausländischen Medien über meinen Vater spreche, belehrt mich meine Familie sofort. Sie sprechen weder Deutsch noch Englisch und haben keinen Zugang zu Medien wie Radio Freies Asien. Daraus kann man ableiten, dass meine Familie unter Druck der chinesischen Kommunistischen Partei steht.
Nun wurde ihr Vater verurteilt. Was schätzen sie diese Entscheidung ein?
Das Urteil ist absurd. Die Begründung für das Urteil meines Vaters lautet, er habe Hass zwischen Ethnien gestiftet. Alle Publikationen die mein Vater geschrieben und lektoriert hat, sind damals mit Genehmigung der Kommunistischen Partei erschienen. China muss Belege zeigen, wo, in welchem Aufsatz, in welcher Zeile er Hass gegen Ethnien gestiftet hat. Es gibt keine juristischen Beweise. Das Urteil und der Prozess stehen gegen die Verfassung der Volksrepublik Chinas. Darin werden Forschungsfreiheit, Meinungsfreiheit und kulturelle Freiheit gewährt. Es gibt auch Gesetze zu territorialer Autonomie für Minderheiten. Darin wird gesagt, dass Minderheiten ihre eigene Kultur erforschen, aufbewahren und weitertragen dürfen. Was mein Vater gemacht hat, ist legal.
Was fordern Sie jetzt vom chinesischen Staat?
Mein Vater hat seit 2018 keine Pension mehr bekommen. Er hat im Monat 8500 Yuan erhalten, das ist in China viel Geld. Ich habe errechnet, dass ihm umgerechnet 23 000 Euro fehlen. Mein Vater hat sein Leben lang für den Staat gearbeitet. Ich frage mich, wie er Medikamente kauft. Er ist herz- und nierenkrank. Meine Mutter hat eine sehr niedrige Rente, nur 3000 Yuan. China zwingt ihn, in Armut zu sterben. Ich will, dass mein Vater dieses Geld zurückbekommt, dafür werde ich vor Gericht ziehen. Im chinesischen Recht steht, solange sich eine verurteilte Person außerhalb des Gefängnisses befindet, muss sie Grundrente bekommen, darf aber keine Rentenerhöhung erhalten. Außerdem muss der Hausarrest sofort beendet werden. Er ist ein alter, kranker Mann. Wenn er in sein Heimatdorf fährt, schadet er nicht der chinesischen Regierung.
Haben Sie Kontakt zu anderen Familienmitgliedern?
Nein. Einmal war mein Bruder zu Hause, als ich mit meinen Eltern telefoniert habe. Als ich Hallo gesagt habe, wurde das Gespräch unterbrochen. Meine Eltern sagen, es geht allen gut. Aber wenn ich nach meinen Geschwistern frage, sagen meine Eltern, sie können nicht kommen. Drei meiner Cousins sind im Jahr 2017 verhaftet worden. Sie hatten ein Getränkeunternehmen. Dort waren 100 Uiguren angestellt. Ein Cousin wurde verhaftet, weil er auf dem Gelände gebetet hat. Ich kenne viele Uiguren in Deutschland, die seit vielen Jahren keinen Kontakt zu ihren Familien in Xinjiang haben. Zum Beispiel hat eine Frau seit dem Jahr 2017 keinen Kontakt zu ihrer Familie. Sie weiß nicht, ob sie leben oder verhaftet wurden.
Wie bewerten sie die Situation der Uiguren in China?
Es gibt Medienberichte über Zwangssterilisierung von Frauen. Das ist eine gezielte Tötung des Nachwuchs einer Volksgruppe. Das ist Völkermord. Am Beispiel meiner Familie kann man ablesen, dass das Wesen des Uigurenseins durch die kommunistische Partei illegalisiert worden ist. Das kennt man aus der deutschen Geschichte.
Wie geht es nun für Sie weiter?
Eine Rückkehr nach China ist für mich nicht möglich. Anfang August werde ich deutscher Staatsbürger. Auf der einen Seite bin ich glücklich, dass ich dann Teil dieser Gesellschaft bin, in der ich seit 13 Jahren lebe. Aber es ist auch traurig, denn juristisch bin ich dann kein Uigure mehr. Es ist der einzige Weg, wie ich mich retten kann. Denn niemand weiß, was in zehn, zwanzig Jahren passiert. Entweder China zerfällt wie die Sowjetunion oder China wird die USA ersetzen. Ob ein Land mächtig wird, ist nicht von Moral abhängig. Jetzt fühle ich mich als Deutsch-Uigure. Und ich will Anwalt für meine Verwandten werden.

Zur Person

Tahir Mutällip Qahiri (39) wurde in Kaschgar, eine Stadt in der uigurisch autonomen Region Xinjiang in China, geboren. Als Dozent an der Universität Göttingen unterrichtet er heute uigurische Sprache und Literatur am Seminar für Turkologie und Zentralasienkunde. Seine Doktorarbeit schreibt er über moderne uigurische Literatur und untersucht die darin dargestellten Emotionen.

Göttingen: „Demografrischer Genozid“

„Viele Uiguren stehen vor der schwierigen Frage, soll ich öffentlich etwas sagen?“, sagt Hanno Schedler, Referent für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. „Hätte es Menschen wie Herrn Qahiri nicht gegeben, wüsste man nicht, was im Nordwesten Chinas passiert.“

Die Gesellschaft berichtet seit Jahren über die Situation der uigurischen, kasachischen und kirgisischen Muslime in der westchinesischen Provinz Xinjiang. Mittlerweile sprächen Forscher nicht mehr nur von einem kulturellem Völkermord sondern auch von demografischem Genozid, sagt Hanno Schedler. Es gebe Berichte über Zwangsabtreibungen und -sterilisationen bei Frauen. Kinder würden von ihren Familien getrennt und auf Internate geschickt, wo sie die chinesische Sprache lernen. Uiguren würden mit Han-Chinesen zwangsverheiratet. „Es wird dafür gesorgt, dass sie langfristig als Gruppe nicht mehr existieren können.“

Göttingen: Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet über die Lage der Uiguren

Zudem berichtet die GfbV von Zwangsarbeit, Überwachung und Lagern, in denen derzeit bis zu 1,8 Millionen Menschen inhaftiert, gefoltert und Gehirnwäschen unterzogen werden sollen.

Die GfbV fordere daher von deutschen Unternehmen in dieser Region, transparent zu zeigen, wie sie Zwangsarbeit verhindern, so Schedler. Zudem solle die Bundesregierung ein Lieferkettengesetz beschließen. Volkswagen hat beispielsweise ein Werk in Xinjiang. Aus Siemenstechnologie sei eine Überwachungsapp entwickelt worden. Auf europäischer Ebene solle sich Deutschland beispielsweise durch Einreiseverbote gegenüber chinesischen Firmen und Politikern starkmachen.

Göttingen: Die chinesische Regierung versuche, Menschen wie den Göttinger Doktoranden die Glaubwürdigkeit abzusprechen

Auf die Frage, ob Tahir Qahiri durch seine Medienoffensive in Gefahr sei antwortet Schedler: „Mit ist kein Fall bekannt, in dem ein Uigure im Ausland physisch bedroht wurde.“ Vielmehr versuche die chinesische Regierung, Menschen wie den Göttinger Doktoranden die Glaubwürdigkeit abzusprechen.

Was Qahiris Familie in China betreffe, seien nun westliche Regierungen gefragt, den Fall seines Vaters in dipolamtischen Beziehungen immer wieder anzusprechen. Dies könne einen gewissen Schutz darstellen, da die chinesische Regierung dadurch unter Druck gerate, das Wohlergehen der Familie immer wieder unter Beweis zu stellen. Im Falle von Liu Xia, der Ehefrau des verstorbenen chinesischen Menschenrechtlers Liu Xiaobo, sei durch internationalen Druck 2018 schließlich eine Ausreise nach Deutschland erreichtworden. Dies sei jedoch ein Einzelfall. „Das Struktuelle ändert sich dadurch nicht“, betont Schedler.

Göttingen: 2022 sollen die olympischen Spiele in China stattfinden

Die GfbV schaut in die Zukunft. 2022 sollen die olympischen Spiele in China stattfinden. Hanno Schedler stellt mit Blick auf die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland folgende Frage: „Will ein deutsches Unternehmen, vor allem eines mit einer Nazi-Vergangenheit wie Volkswagen, die Spiele in einem Land wie China unterstützen?“ (Kim Henneking)

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