„Wir brauchen Rollenvorbilder“

Göttinger Sozialpsychologin äußert sich zu Schutzmaßnahmen in Corona-Zeiten

Blick auf die Staats- und Universitätsbibliothek am Campus der Georg-August-Universität.
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Blick auf die Staats- und Universitätsbibliothek am Campus der Georg-August-Universität. /Symbolbild

Trotz neuer Corona-Ausbrüche etwa in Göttingen und Berlin hält sich aus Sicht der Göttinger Sozialpsychologin Margarete Boos die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger an Schutzmaßnahmen wie Mindestabstände und Kontaktbeschränkungen.

Göttingen – „Wir erleben derzeit im Alltag, wie in unserer eigentlich als individualistisch geltenden Kultur vorwiegend solidarisch und gemeinschaftlich gehandelt wird“, sagte Boos. Sie sei optimistisch, dass durch die aktuelle Situation auch für die Zukunft Verbundenheit und Respekt gelernt und verstärkt würden.

Göttinger Forscherin äußert sich zum „Wir-Gefühl“

Soziale Normen müssten durch ein „Wir-Gefühl“ verstärkt werden, sagte die Forscherin am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Göttinger Universität. Verhaltensziele wie zum Beispiel das Abstandsgebot oder das Maskentragen seien nicht direkt auf Einzelne, sondern auf die Gemeinschaft bezogen.

Der Einzelne ziehe so keinen unmittelbaren und kurzfristigen Nutzen aus einem verantwortlichen Umgang mit der Corona-Situation. „Solidarität beinhaltet aber genau das, den Zusammenhang zwischen individuellem Verhalten und dem Nutzen für die Gemeinschaft.“

Göttingen: Menschen suchten in solchen Situationen zur Orientierung Vorbilder im Verhalten anderer

Es bestehe dabei zugleich viel Unsicherheit, was derzeit ratsam sei und welche Verhaltensweisen bestimmte Wirkungen und Nutzen erzielten. Menschen suchten in solchen Situationen zur Orientierung für das eigene Verhalten Vorbilder im Verhalten anderer. „Das liegt in unserer Natur, uns mit anderen Personen zu vergleichen und unsere eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen entsprechend anzupassen“, sagte Margarete Boos. Eine positive Berichterstattung durch die Medien, die zeige, wieviele Menschen sich an die Verhaltensregeln halten, sei dabei hilfreich.

Nicht immer gelinge jedoch diese Vorbildersuche von alleine: „Wir schätzen unsere Freiheit“, sagte die Wissenschaftlerin. Aber unter Umständen könne es attraktiv erscheinen, wenn der Gesetzgeber bestimmte Regeln vorgebe. Dadurch könne Eigenverantwortung abgegeben werden. Manchen Personen falle es schwer, sich an die Verhaltensempfehlungen zu halten.

Göttinger Forscherin: Das „Phänomen der Selbstkontrolle“ sei ein innerpsychischer Konflikt

Mit dem „Phänomen der Selbstkontrolle“ sei ein innerpsychischer Konflikt zwischen kurzfristig erreichbaren Wünschen des Einzelnen und dem langfristigen Nutzen für die Gemeinschaft verbunden. Dabei könne es dann zum Trotz-Verhalten kommen, wenn Menschen glaubten, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden.

Kritiker der jetzigen Situation würden dagegen oft vorschnell als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, sagte Margarete Boos: „In einer demokratischen Gesellschaft ist es völlig legitim und wünschenswert, Auffassungen, Maßnahmen und Sinnhaftigkeit von Regeln anzuzweifeln.“

Dies sei zu Beginn der Coronavirus-Ausbreitung jedoch zu wenig getan worden. „Einschränkungen in Grundrechte, wie wir sie derzeit erleben, müssen kritisch diskutiert werden.“  epd

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