Studie der Uni Göttingen

Wirtschaftliche Sorgen: Viele Verbraucher haben Angst vor hohen Einkaufspreisen

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Viele Verbraucher haben Angst vor hohen Preisen.

Krisen wirken sich auf das Konsumverhalten der Menschen aus. Eine aktuelle bundesweite Studie von Wissenschaftlern der Universität Göttingen zeigt, dass es während der Corona-Pandemie offenbar auch Veränderungen bei der Ernährung sowie der Beschaffung von Lebensmitteln gibt.

Das Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität befragt seit Mitte April Konsumenten, wie sich die Coronakrise auf das Einkaufs-, Ernährungs- und Kochverhalten der Bevölkerung auswirkt. Die Ergebnisse der ersten Erhebungswelle der dreistufigen Panelstudie liegen nun vor. Und sie zeigen: Steigende Lebensmittelpreise und Hamsterkäufe spielten vor allem zu Beginn der Krise eine große Rolle. Insgesamt kaufen die Menschen seltener ein und achten bei der Auswahl der Produkte auf andere Merkmale als zuvor. So ist laut der Studie vor allem die lange Haltbarkeit ein entscheidender Kauffaktor. Allerdings legen die Konsumenten den Angaben zufolge auch mehr Wert auf Tier-, Klima- und Umweltschutz.

Ein Kernergebnis der Befragung ist, dass die Ängste der Menschen insbesondere auf negative wirtschaftliche Folgen ausgerichtet seien. „Besonders auffällig ist, dass die Bevölkerung bereits Mitte April steigende Lebensmittelpreise befürchtet, ein Thema, das zu diesem Zeitpunkt in der öffentlichen Diskussion noch gar nicht so präsent war“, sagt Dr. Gesa Busch, Erstautorin der Studie. Demnach ist die Sorge vor steigenden Lebensmittelpreisen sogar größer als die Sorge vor Lebensmittelknappheit.

Dr. Gesa Busch, Erstautorin der Studie

Während sich das Einkaufsverhalten teilweise deutlich zur Zeit vor Corona unterscheidet – die Menschen kaufen laut Studie seltener, dafür vor allem zu Beginn der Pandemie mehr ein – gibt es im Ernährungsverhalten kaum Veränderungen. Zugenommen habe allerdings die Anzahl der Personen, die sich täglich selbst ein warmes Gericht kochten, heißt es in der Auswertung der Göttinger Forscher. Das treffe verstärkt auf Menschen zu, die aufgrund von Home-Office oder Quarantäne mehr Zeit zu Hause verbringen.

VON ANDREAS ARENS

Studie entstand in drei Erhebungswellen

Bei der Befragung handelt es sich um eine Panelstudie mit drei Erhebungswellen. Dieselben Personen werden im Laufe der Pandemie also dreimal online befragt. Dabei sei die Befragung in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildung und regionaler Verteilung repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland, wie die Uni Göttingen mitteilte. An der ersten Runde, deren Auswertung nun veröffentlicht wurde, nahmen demnach insgesamt 947 Personen teil. Weitere Infos zu einer Studie gibt es hier.

Keiner will Hamsterkäufer sein

In der Studie der Göttinger Wissenschaftler zum Ernährungs- und Einkaufsverhalten der Deutschen während der Corona-Pandemie haben sich interessante Differenzen zwischen offiziellen Daten und der subjektiven Wahrnehmung der Befragten ergeben. Insbesondere beim Thema Hamsterkäufe fällt in der Erhebung nach Angaben der Forscher

einen Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung auf.

Demnach halten 83 Prozent der Befragten Hamsterkäufe für unangemessen (mehr als die Hälfte sogar für „völlig unangemessen“). Nur ein kleiner Teil habe angegeben, selbst auf Vorrat gekauft zu haben. Offizielle Marktdaten zeigten jedoch vor allem zu Beginn der Pandemie einen Anstieg in fast allen Produktkategorien. Diesen Widerspruch erklärt Erstautorin Dr. Gesa Busch mit einem häufig auftretenden Denkmuster: „Es sind ‚die anderen’, die hamstern, aber nicht man selbst.“ Diese Einschätzung habe auch damit zu tun, dass angesichts geringer Lagervorräte in der Lebensmittelkette bereits subjektiv kleine Mehreinkäufe wie zwei Mehlpakete statt eines zu Regallücken führten, was wiederum den Eindruck von Knappheit verstärke.

Und noch eine interessante Wahrnehumgsdifferenz hat die Studie zutage gefördert. Bevorzugte Produkteigenschaften seien neben der längeren Haltbarkeit auch die Regionalität und Gesundheit der Produkte, heißt es. Auch Tier-, Klima- und Umweltschutz sei für etwa ein Viertel der Befragten nun wichtiger als zuvor. Die Landwirte schätzen dies aber offenbar ganz anders ein. Ein Vergleich mit Daten einer Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Mergenthaler an der Fachhochschule Südwestfalen zeige, dass die Erzeuger davon ausgehen, dass solche weichen Faktoren in der Krise eher unwichtiger für die Konsumenten würden.

Die Göttinger Forscher aber schließen aus der ersten Erhebungswelle ihrer Studie: „Die Ergebnisse bezüglich der Krisenfestigkeit des Ernährungssystems deuten auf eine beachtliche Unterstützung der Bevölkerung für einen hohen nationalen Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln hin“, sagt Prof. Dr. Achim Spiller von der Abteilung Marketing für Agrarprodukte und Lebensmittel des Departments für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung an der Uni Göttingen. Die Befragten stimmten stark zu, dass die wesentlichen Grundnahrungsmittel oder eine Mindestmenge an Nahrungsmitteln in Deutschland oder noch besser regional produziert werden sollten. „Insgesamt lässt sich eine mehrheitlich globalisierungsskeptische Position in unseren Daten erkennen, die durch die Corona-Krise weiter gestärkt wird“, führt Spiller aus. Ob mehr nationale Selbstversorgung aber wirklich sinnvoll für mehr Krisenfestigkeit sei, könnten die Göttinger Wissenschaftler mangels einschlägiger Forschung nicht beantworten.

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