Interview mit Prof. Dr. Dirk Schumann

Wissenschaftler im Dritten Reich: Gedemütigt, verfolgt, entlassen

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Neue Gedenktafel am Präsidiumssitz der Universität Göttingen: An der Frontseite neben dem Eingang zur Aula am Wilhelmsplatz hängt die Tafel mit Namen von Wissenschaftlern, die in der Zeit des Nationalsozialismus entlassen wurden.

Göttingen. In einer Feierstunde enthüllen Studenten kürzlich am Aula-Gebäude der Universität am Wilhelmsplatz eine Tafel für die im Nationalsozialismus entlassenen Wissenschaftler. Unter den 95 von den Nazis verfolgten Uni-Forschern und -Lehrenden waren auch Prof. Richard Falck und sein Mitarbeiter Otto Reis von der Forstakademie Münden der Uni Göttingen.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Dirk Schumann vom Seminar für mittlere und neuere Geschichte, der die Aktion betreut.

Warum wurden die Wissenschaftler entlassen, aus welchen Bereichen stammten sie?

Dirk Schumann: Die Wissenschaftler wurden entlassen, weil sie auf Basis des 1933 verabschiedeten sogenannten Gesetzes zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ als „nicht arisch“ oder politisch unzuverlässig definiert wurden. Sie stammten aus allen Fakultäten der Universität.

Wer waren die prominentesten Opfer der Aktion? Was geschah mit Ihnen?

Schumann: Prominent waren eine ganze Reihe von Personen, vor allem aus dem Bereich der Naturwissenschaften und der Mathematik, wie der Nobelpreisträger James Franck. Dieser erklärte von sich aus seinen Rücktritt und kam einer Entlassung zuvor. Weitere waren zum Beispiel der Physiker Max Born oder Richard Courant.

Wer bestimmte über die Entlassungen?

Schumann: Grundsätzlich das Ministerium in Berlin, auf Basis des Berufsbeamtengesetzes. Bei der Ausführung konnte die Universität etwas verzögern und mildern, oder auch nicht.

Wie sah die Zukunft nach der Entlassung aus?

Schumann: Unterschiedlich, Emigration für viele, wobei die prominenten Naturwissenschaftler gute Chancen hatten, eine einigermaßen adäquate Stelle zu finden. Für die anderen war es erheblich schwieriger. In jedem Fall war die Entlassung und die damit in den meisten Fällen einhergehende Vertreibung aus Deutschland eine tiefe und schmerzhafte Zäsur im Leben der Betroffenen.

Wurden Wissenschaftler nach Kriegsende wieder eingestellt oder rehabilitiert?

Schumann: Ganz wenige, vor allem ältere Nicht-Emigrierte. Die meisten der Emigrierten blieben im Ausland beruflich tätig. Mit der Rehabilitation ist es komplizierter: Grundsätzlich war das möglich, aber ohne Wiedereinstellungsgarantie und nur zu den vorigen Bedingungen. Besonders im Fall der Emigrierten wurde zurückhaltend vorgegangen und die Eignung eigens geprüft. Probleme gab es auch mit ausländischen Staatsbürgerschaften, die die Emigrierten nicht einfach aufgeben wollten.

Warum hat man sich jetzt für die Tafel entschlossen?

Schumann: Es gab schon seit 1989 eine kleine Bronzetafel. Die neue Tafel fügt sich ein in eine Reihe weiterer Aktivitäten der letzten Jahre zur Erinnerung an die NS-Vergangenheit, darunter die Gedenkstele für das „Judenhaus“ in der Weender Straße, die von der gleichen von mir ausgewählten Studentengruppe gestaltet wurde. Wir haben für die neue Tafel vorgeschlagen, nicht nur der verfolgten Professoren zu gedenken, sondern auch der verfolgten wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Welchen Part übernahmen die Studenten?

Schumann: Sie haben unter meiner Leitung die Texte für die Gedenkfeier am 9. November und für die neue Gedenktafel entworfen und die Feier am 9. November mit ihren Textbeiträgen gestaltet. Sie haben das übrigens ganz freiwillig getan.

Von Thomas Schlenz

Zur Person: Prof. Dr. Dirk Schumann

Prof. Dr. Dirk Schumann, Jahrgang 1958, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in München, Freiburg und Boulder (USA). Nach seiner Promotion in München im Fach Neuere und Neueste Geschichte war er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bielefeld, wo er auch habilitierte. Nach weiteren Stationen in Washington und Bremen wurde er 2008 Professor am Seminar für mittlere und neuere Geschichte der Uni Göttingen.

Universität erinnert an verfolgte Forscher

Die Georg-August-Universität Göttingen hält die Erinnerung an Wissenschaftler wach, die aus politischen oder rassistischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt und entlassen wurden. 

Eine große Gedenktafel mit den Namen von 95 ehemaligen Angehörigen der Hochschule wurde kürzlich an der Außenwand der Aula angebracht und feierlich enthüllt. Nach eigenen Angaben arbeitet die Universität bereits seit den 1980er Jahren ihre Geschichte im Nationalsozialismus auf. Seit 1989 erinnert eine erste Gedenktafel im Vorraum der Aula an 53 frühere Professoren, die zwischen 1933 und 1945 entlassen oder vertrieben wurden.

In den vergangenen Jahren seien insgesamt weitere 42 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler identifiziert worden, die von Verfolgung und Entlassung betroffen waren, sagte eine Sprecherin der Universität Göttingen. Der Göttinger Historiker Dirk Schumann hat die neue Gedenktafel mit einer Gruppe Studierender erarbeitet. „Viele kehrten nicht mehr zurück.

Die Erinnerung an sie wachzuhalten und sich der Verantwortung für das ihnen zugefügte Leid zu stellen, bleibt Pflicht der Universität“, heißt es auf der Tafel. Die beteiligten Studierenden hatten bereits an einer 2016 errichteten Gedenkstele für das Göttinger „Judenhaus“ mitgewirkt. In dieses Gebäude waren jüdische Familien von den Nazis zwangsumgesiedelt worden.

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