Aktionswochenende des SC Weende

Wo die Inklusion im Tischtennis gelebt wird: Grenzenlos-Lehrgang und Turnier

Gelebte Inklusion: Behnderte spielen gegen Nichtbehinderte beim SC Weende wie hier Patrick Kramer (rechts), Mathias Kleinert, hinten Jakob Koch und verdeckt Louis Waldmann. Foto: Kopietz

Göttingen. Großes Wochenende für die Tischtennisabteilung des SC Weende: Sie lädt am Samstag zum offenen Turnier für Behinderte und Nichtbehinderte und feiert Jubiläum.

Gelungene Inklusion ist, wenn das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung nicht auffällt. Gelebt wird diese Inklusion in der Tischtennis-Abteilung des SC Weende. Der Verein feiert am Wochenende zudem ein Jubiläum: Den „Grenzenlosen Tischtennis-Lehrgang“ gibt es seit fünf Jahren.

Paralympics-Sieger

Dabei ist dann wieder Holger Nikelis nach Göttingen. Der Gründer von „sport grenzenlos“ und zweifache Einzel-Sieger im Tischtennis bei den Paralympics hat mit dem SC Weende etwas Außergewöhnliches geschaffen – besagten grenzenlosen Tischtennislehrgang. Dabei setzen sich auch Spieler ohne Handicap in den Rollstuhl, spielen dort mit und gegen behinderte und nicht behinderte Sportler – und lernen von ihnen.

Tischtennis im SC Weende: Behinderte spielen gegen Nichtbehinderte – auch in einer Mannschaft wie Patrick Kramer (rechts) und Mathias Kleinert (links). Foto: Kopietz

Mathias Kleinert steht für diesen Lehrgang und die gesamte, grenzenlose Tischtennis-Sparte im SC Weende. Seit 1994 schmettert er den Gegnern die Bälle um die Ohren. Oder blockt sie, ganz dicht am Plattenrand mit der Rückhand. „Das mögen viele gar nicht“, erzählt „Matze“ schmunzelnd.

Krankenkasse zahlt nicht

Er verwendet dabei zwar moderne Schläger, sitzt aber in einem Oldtimer – der Sportrollstuhl hat 30 Jahre auf den Reifen. Kleinert, der zwei Mal die Woche Tischtennis spielt, erzählt, dass der Antrag für einen neuen Sport-Rolli – der kostet 6200 Euro – von der Krankenkasse abgelehnt worden ist. „Wir haben Einspruch eingelegt und versuchen es noch einmal bei der AOK“. Mathias Kleinert sagt das ohne Wut, aber Resignation klingt aus diesem Satz.

Unter Sportlern

Der Tischtennissport ist für ihn enorm wichtig, ein Geschenk für sein Leben. Im Verein, an der Platte ist er unter Gleichen, unter Sportlern. Es wird geflachst, geflucht, gejubelt und gefachsimpelt. „Ich fühle mich hier nicht als Behinderter.“

Mehr noch: Sein seit der Jugend diagnostizierter Muskelschwund stagniert. Kleinert kennt einen Grund dafür: das Tischtennisspielen. „Die Bewegung, die Aktivität, das tut mir einfach gut.“

Patrick Kramer hört seinem Tischtennis-Kumpel aufmerksam zu, nickt. Der seit seiner Kindheit von einer Spastischen Diplegie und somit einer Bewegungseinschränkungen betroffene Patrick kann alles unterschreiben, was Matze sagt und fasst es so zusammen: „Ich bin einfach gerne hier.“ Weil hier in der Tischtennissparte des SCW die Inklusion gelebt wird – anders als oft im normalen Leben, sagt Patrick.

Patrick fährt zweigleisig

Matze und Patrick messen sich mit Nichtbehinderten. Und sie spielen mit diesen in der 5. Mannschaft um Punkte und Tabellenplätze in der 1. Kreisklasse. Patrick ist zweigleisig unterwegs: „Ich spiele auch im Behindertensportverband.“ Dort war er schon Landessieger und auch bei den „Deutschen“ ganz vorn im Doppel dabei, was ihn ins Kadertraining und die erweiterte Nationalmannschaft brachte. „Das war echt geil.“

Erlöse für neuen Rolli

Ehrgeizig sind sie beide – das merken auch Jakob Koch (16) und Louis Waldmann (17), die beim Training gegen „K & K“ antreten. Eine klare Angelegenheit ist das Match für die Jugendlichen aber nicht. Und das, obwohl Mathias im Oldi-Rolli sitzen muss. Der soll aber bald ausgedient haben, denn der SCW wird die Erlöse der Grenzenlos-Veranstaltung für den Kauf eines neuen spenden. Insgeheim hofft man noch auf einen Zuschuss, denn auch das im Behindertensport engagierte Unternehmen Ottobock fördert den „Grenzenlosen Lehrgang“, stellt das Maffay-Tabaluga-Haus in Duderstadt zur Übernachtung und Leih-Rollstühle bereit.

Krankengymnastik hilft

Mathias Kleinert jedenfalls ist ein wenig gerührt, als Frauke Alves von dem Plan erzählt, die Einnahmen aus dem Wochenende für einen Rolli zu spenden. Denn Tischtennis ist – neben der Arbeit und Familie – eine ganz bedeutende Nummer in seinem Leben. Und das soll auch so bleiben, denn Kleinert und Kramer tun so auch viel für ihre Gesundheit. Honoriert wird das von den Krankenkassen nicht – sie zahlen auch keine Krankengymnastik mehr, obwohl die Patrick sogar wieder zum „fast normalen Auftreten“ verholfen hat. (tko)

Hintergrund

Beim Tischtennis Grenzenlos Cup des SC Weende lernen und spielen behinderte und nicht behinderte Aktive mit- und gegeneinander. Bei dem Freundschaftsturnier am Samstag, 6. Januar, ab 14 Uhr in der Sporthalle am James-Franck-Ring gibt es 4er-Mannschaften, egal ob aus Nichtsportlern oder „Tischtennis-Profis“ bestehend, ob mit oder ohne Behinderung, ob Kind oder Senior, Chef oder Praktikant – jeder kann mitspielen. Verwendet werden Einheitsschläger. Eine Startgebühr wird nicht erhoben, Spenden sind erwünscht. Es gibt ein Rahmenprogramm. So werden top-moderne High-Tech-Handprothesen, die per Muskelsignal gesteuert werden, vorgestellt und können ausprobiert werden. Beim Grenzenlos-Lehrgang sind Spitzenspieler und Trainer- aus der Behinderten-Nationalmannschaften und Vereinsteams dabei. Top-Jugendspieler ohne Handycap machen ebenso mit, wie noch nicht so erfahrene Spieler. In der Weender Halle sind von Freitag, 5. bis Sonntag, 7. Januar jederzeit Zuschauer willkommen, eine Tombola mit mehr als 200 Preisen und ein kulinarisches Angebot locken. Die Jubiläumsfeier zum „Fünfjährigen“ und der Benefizabend beginnen am Samstag um 19 Uhr. Internet: www.scwgoettingen.de und www.sportgrenzenlos.org.

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