Unterbringung in Massenunterkünften vermeiden

Wohnungen für Flüchtlinge fehlen: Sozialdezernentin startet Aufruf

Dagmar Schlapeit-Beck
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Dagmar Schlapeit-Beck

Göttingen. Die Stadt sucht händeringend Wohnungen für Flüchtlinge, die aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt in immer größerer Zahl auch nach Göttingen kommen. Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck (SPD) hat deshalb am Dienstag einen Aufruf an die Göttinger gestartet.

Göttinger sollen möglichst schnell Wohnungen für die Flüchtlinge bereitstellen und vermieten. Die Lage ist ernst, das verdeutlichen die Zahlen, die Schlapeit-Beck nennt und die sie zu der besonderen Maßnahme eines öffentlichen Aufrufes zwingt: „Pro Woche kommen jetzt etwa 20 Flüchtlinge nach Göttingen, vor einem Jahr waren es fünf in einer Woche – die Zahl hat sich dramatisch erhöht“, sagt die Sozialdezernentin.

450 Flüchtlinge aus 30 Nationen haben derzeit in Göttingen eine Bleibe gefunden. 350 weitere werden bis zum Jahresende hinzukommen. Insgesamt stehen für die Unterbringung 136 Wohnungen mit 319 Zimmern zur Verfügung. Zu wenig, wie die Sozialdezernentin sagt. „Wir stoßen an unsere Grenzen, und wir können nicht mehr unseren Grundsatz halten, die Flüchtlinge möglichst dezentral in einzelnen Wohnungen unterzubringen.“ Die Stadt will damit eine Ghettoisierung und das Einrichten von Massenunterkünften vermeiden. „Deshalb brauchen wir mehr Wohnungen.“

Das Unterbringen in einer geeigneten Wohnung – und eben nicht in einer Sammelunterkunft – sei für die Flüchtlinge ein wichtiger Schritt und die Möglichkeit, ihre Notlage zu lindern.

Sollten nach dem Aufruf wenige Wohnungen gemeldet werden, dann schließt Schlapeit-Beck aber auch eine Abkehr von der Praxis nicht aus: Um die vielen Flüchtlinge aufnehmen zu können, könnten auch zeitweise Wohncontainer aufgestellt werden. „Wir planen das, prüfen auch bereits Standorte“, sagt Schlapeit-Beck. Grundsätzlich aber sieht sie solche lagerähnlichen Unterkünfte kritisch: „Das schafft Folgeprobleme, wie ein Negativimage und ein Sicherheitsproblem.“

Auffangbecken Grenzdurchgangslager – und dann? Vor dort – wie in Friedland – werden die Kriegsflüchtlinge an Städte und Gemeinden weitervermittelt, wo die Wohnungen nun knapp sind.

Auf keinen Fall möchte die Sozialdezernentin deshalb Situationen wie in den 90er-Jahren erleben, als in Göttingen auch Turnhallen belegt werden mussten: „Da gibt es dann gar keine Privatssphäre für die Menschen.“ Der dringende Appell geht deshalb an die Göttinger: „Stellen Sie Wohnungen bereit, auch wenn Sie bis jetzt noch gezögert haben. Die Not ist groß.“

Die Mietverträge sollen mindestens ein Jahr laufen, sie können auch mit der Stadt als Vertragspartner geschlossen werden. „Wir stehen auch für eventuelle Ausfälle ein“, sagt Schlapeit-Beck, die übrigens auch noch Menschen sucht, die sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge einsetzen, beim Gang in den Supermarkt und zum Arzt, den Alltag bewältigen helfen.

Von Thomas Kopietz

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