Interview mit Autor und Musiker

Wolfgang Niedecken: „Ein Stündchen mit Dylan unter vier Augen - das wäre toll“

Ur-Kölner und Dylan-Fan: Wolfgang Niedecken, steht in der Severinsstrasse vor seinem Elternhaus. Niedecken gastiert bei eine Lesung mit Musik am Sonttag beim Göttinger Literaturherbst und hat eine besondere Verbindung zu Göttingen.
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Ur-Kölner und Dylan-Fan: Wolfgang Niedecken, steht in der Severinsstrasse vor seinem Elternhaus. Niedecken gastiert bei eine Lesung mit Musik am Sonttag beim Göttinger Literaturherbst und hat eine besondere Verbindung zu Göttingen.

Nachschlag für den Göttinger Literaturherbst: Am Sonntag regieren die Kölner in der Sheddachhalle im Sartorius-Quartier: Vormittags tritt Frank Schätzing auf, am Abend ab 18 Uhr Wolfgang Niedecken.

Er liest aus seinem Buch über Bob Dylan, singt und spielt Songs gemeinsam mit Pianist Mike Herting. Wir sprachen mit Niedecken, der auf das „Du“ und „Wolfgang“ bestand.

Sonntag, Auftritt beim Literaturherbst in Göttingen, kennst Du den Göttinger Dylan-Experten und -Fan, den Literaturwissenschaftler Heinrich Detering?
Deterings Bücher über Bob Dylan kann man lesen. Der hat Ahnung!
In Büchern über und Texten von Dylan kann man sich verlieren..
Herrlich! Da tut sich immer ein fanstastischer Kosmos auf, sobald man sich mal jenseits von „Blowin´ In The Wind“ mit Dylan beschäftigt. Das zieht einen immer mehr hinein in das Werk dieses Menschen, die Musik, die Texte – jedenfalls mich!
Es ist, als nähme man einen Faden auf und der wird dann zu einer Garnrolle - es kommen immer wieder Fragen auf, es gibt stets Neues..
Ganz genau. Auch ich finde immer wieder etwas Neues. Es ist eine Entdeckungsreise, die nie endet. Ich habe für mich im Laufe der Jahre festgestellt, dass je mehr ich Stücke übersetze, und zwar in einer akribischen Form und nicht oberflächlich, dann verstehe ich die Stücke auch wirklich. Das macht Spaß. Dann finde ich in unterschätzten Textpassagen erstaunliche Bedeutungen.
Wann passiert Dir so etwas?
Jüngst auch beim Hören der Bootleg-Alben-Serie. Wenn man diese unverfälschten, rohen Aufnahmen hört, dann merkt man, dass Dylan Mitte der 80er-Jahre und ihm Leute versucht haben zu helfen. So entstanden dann diese ganzen kosmetischen Werke, seltsam produzierte Alben. Darin hat er sich gar nicht wiedergefunden. Dieses Bootleg zeigt die Verunsicherung Dylans, der diese Stücke als Pop-Album herausbrachte – das wäre aber nicht nötig gewesen.
Ist da auch der Einfluss der Zeit in den 80er und 90er zu hören?
Ja. Damals kam MTV auf, man brauchte und hatte tolle Videos. Du musstest jung und gut aussehen. Wenn Dich so etwas in der Mid-Life-Crisis erwischt, dann verunsichert Dich das extrem. Dann willst Du jugendlich wirken, nicht als Alter Sack rüberkommen. Es gibt Künstler, die kümmerten sich einen Scheiß darum, bei anderen hat das Rädchen so lange gebohrt, bis sie sich gefügt haben – und nicht mehr sie selbst waren - auch hörbar.
Das klingt nach eigener Erfahrung?
Solche Verunsicherungsphasen gab es auch bei mir immer mal wieder. Ich bin auf andere Art und Weise herausgekommen. Aber: Das Business verunsichert einen Musiker, auch Bob Dylan - und das ist plötzlich nach Jahrzehnten über die unverfälschten Bootleg-Alben herauszuhören. Faszinierend. Die anderen Alben von damals wie „Empire Burlesque“ zeigen die Verunsicherung – allein das Cover ist schon zum Fremdschämen. Da sitzt Dylan in einer Jacke, die eigentlich eher für Rex Gildo bestimmt war und der versucht, schön zu sein. Ähnlich sind dann auch die Produktionsweisen der einzelnen Songs. Unfassbar. Schau Dir dieses Cover an – da bleibt Dir die Spucke weg.
Aktuell sieht das ganz anders aus - und hört sich auch bei Dylan anders an?
Mittlerwerweile ist alles gut! Die Musik, die Cover, die Texte. Er hat mit „Rough And Rowdy Ways“ ein großartiges Album hingelegt.
Wann ist bei Dir die Faszination für Dylan, von Dylans Musik für Dich entstanden. Gibt es ein Aha-Erlebnis?
Als ich in der Schülerband Bass spielte brachte unser Sänger zu seinem letzten Auftritt eine Platte mit: „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan. Er hatte den Text schon herausgeschrieben. Wir hörten die Platte zusammen. Und in dem Moment habe ich gedacht: ‘Scheiße! Ich will nicht mehr Bass spielen! Eigentlich will ich lieber solche Songs schreiben, wie dieser Typ mit der Sonnenbrille auf dem Cover. Und ich will diese Songs auch singen! Meine Antwort war: Ich mach das jetzt!‘ Dann habe ich meinem Freund Hein den Bass gegeben, der bis dahin nicht in der Band war. ‘Also Hein, du musst Bass spielen, ich singe jetzt!‘
Es war eine Inititialzündung..
Es war wie ein Blitzeinschlag. „Blowin´ In The Wind“ interessierte mich nicht. Aber dann kam Like A Rolling Stone und hat mich sehr interessiert. Der Song hat mich für alles geöffnet – auch für Texte und Lyrik. In der Schule habe ich Gedichte gehasst – weil ich wusste, ich muss im Endeffekt den ganzen Kram auswendig lernen. So ein Quatsch! Also: Auf einmal interessiert mich Lyrik, auch komplizierte Bilder. Die Bilder, die allein in ‘Like A Rolling Stone‘ stecken, haben ein Bild nach dem anderen in mir freigesetzt. Wahnsinn.
War das immer so?
Das ließ dann erst bei bestimmten Alben wie ‘Nashville Skyline‘ nach. Ein Bekannter, ein Riesen-Dylan-Fan, blieb dran und gab mit – Gott sei Dank – Nachhilfeunterricht, füllte meine Dylan-Wissenslücken auf. Von da an hörte es nicht mehr auf. Es war die Zeit um 1975/76, als zwei Hammer-Alben rauskamen ‘Blood on the Tracks‘ und ‘Desire‘. Damit ging es für mich richtig wieder los: Auf einmal wollte ich wieder Musik machen.
Haben Dich Dylan und seine Stücke für eigene Songs inspiriert?
Ja, immer wieder. Vor allen Dingen ‘Desolation Row‘ mit seinen 12 Strophen und eigentlich einfacher, vom Flamenco angehauchter, Musik. Es hat mich förmlich in den Text gezogen, viel bei mir freigesetzt - und er war später der Maßstab für BAP-Stücke wie ‘Kristallnaach‘ oder ‘Bahnhofskino‘. Es war wie ein Polarstern, an dem ich mich orientieren konnte. Den Einfluss Dylans auf die Pop-Rock-Lyrik darf man nicht unterschätzen. Er ist der wirkungsmächtigste Poet der letzten sechs Jahrzehnte. Deshalb steht ihm selbstverständlich auch der Literaturnobelpreis zu.
Kannst Du neutral über Dylan urteilen?
Auch als Fan solltest Du die kritische Distanz wahren. Es gibt Alben von Dylan, die kann ich mir nicht schön hören – und auch nicht schön trinken. Es gibt Alben, die sind einfach total uninspiriert. Da hätte der gute Dylan lieber mal geistig um den Block gehen sollen, abwarten, sortieren und dann Material schaffen, das Hand und Fuß hat. Es war eben die Phase der Midlife-Crisis. Gott sei Dank ist er ja zurückgekommen. Ab ‘Time Out Of Mind‘, das ist das erste der Alterswerke, hat er fantastisch zurück in die Spur gefunden. Ab da gibt es kein Ausfall-Album mehr. Toll.
Hättest Du einen Wunsch in Bezug auf Dylan, eine Platte, oder gar ein Treffen, frei. Wie sähe der Wunsch aus?
Ich würde gerne ein Stündchen unter vier Augen mit ihm haben. Das fände ich schon toll. Auch deswegen, weil ich eine Fragen über die Produktionsweisen und das Komponieren seiner Stücke hätte. Unter allen Stücken steht ja Musik und Text Bob Dylan. Die Antworten würden unter vier Ohren bleiben. Sonst wünsche ich ihm, dass er sich die Ruhe antut. Und wenn er noch einmal ein Album machen würde, dass er es genau so entspannt und so losgelöst von sämtlichen Trends aufnimmt wie ‘Rough And Rowdy Ways‘.
Du trittst in Göttingen mit dem von Dir verfassten Buch zu Dylan aus der Kiwi-Musikbibliothek-Reihe auf, Du liest auch…
(unterbricht). Ja. Ich habe es gerade auf Kreta noch einmal gelesen und merkte: Stimmt, das habe ich ja auch geschrieben. Ich könnte demnach auch in Göttingen ein ganz anderes Programm als im Sommer spielen, mit anderen Ausschnitten. Aber mache ich lieber nicht. Obwohl: Weiß der Teufel, vielleicht ja irgendwann doch einmal.
Was ist diese Lese-Musizier-Reise für Dich?
Es ist ein großer Spaß. Ich arbeite ja mit einem fantastischen Jazz-Pianisten zusammen: Mike Herting. Den kenne ich länger, als es BAP gibt. Wir freuen uns jeden Abend, dass wir das dürfen. Es werden am Ende nie erwartete 50 Konzerte sein, und wir könnten das im nächsten Jahr fortsetzen. Wir freuen uns wirklich über jeden Abend, an dem wir das Privileg haben, unser Ding zu machen.
Ihr spielt in einer neuen, ehemaligen Fabrikhalle …
Ich bin sehr gespannt. Und ich freue mich sehr auf Göttingen. Es gibt alte Verbindungen zu Göttingen. Ich habe damals auf dem Göttinger Kunstmarkt ausgestellt. Und die Stadt hat sogar ein Bild von mir gekauft.
Es hängt im Büro des Bauhof-Chefs der Stadt..
Stimmt. Irgendwann haben wir das mal gecheckt, wo das hängt. Ein schönes Bild: ‘Toblerone‘ heißt es.
Was verbindet Dich noch mit Göttingen?
Ich kenne Gerhard Steidl. Er hat 1983 unser erstes BAP-Buch gedruckt. Es gibt immer noch einen Kontakt zu ihm. Und ich hoffe, dass er am Sonntag kommt, das wäre sehr schön. Steidl macht wunderbare Bücher. Sie sind ein haptisches Vergnügen. Das kann ein Kindl nicht - das gibt nix (lacht).
Der Göttinger Kunstmarkt hatte einen guten Ruf..
Ich habe mit meiner damaligen Freundin in einem kleinen Zwei-Mann-Zelt direkt neben dem Festival-Zelt auf einem Grünstreifen gepennt. Sensationell. (lacht). Wir campten gegenüber der Stadthalle, diesem verkachelten Ding (lacht).
Die Stadthalle wird gerade für teuer Geld saniert – die Kacheln hängen schon wieder..
Da bin ich ja beruhigt. Schön ist sie nicht, aber wenigstens blau (lacht).
Im jüngsten Detering-Dylan-Buch ist eine Passage aus einem Interview von 1965: Ist Liebe für sie wichtig, wenn Sie einen Song schreiben? Nein! Ist Liebe für sie wichtig, wenn Sie Songs singen? Nein! Nun die Frage an Dich: Ist Liebe für Dich wichtig, wenn Du Liebeslieder schreibst?
Wenn ich Liebeslieder schreibe, dann handelt das definitiv von der angesungenen Person und mir. Dann ist Liebe natürlich sehr wichtig. Ich schreibe keine Liebeslieder ins Blaue hinein – ich glaube aber auch nicht, dass der Dylan das macht. Das hat er wieder gesagt, damit man ihn nicht greifen kann. (Thomas Kopietz)

Zur Person

Wolfgang Niedecken (70), geb. am 30. März 1951 in Köln, ist Maler, Autor und vor allem Musiker. Er studierte Malerei und Kunstgeschichte, etablierte sich als Künstler. Berühmt wurde er als Musiker. Niedecken gründete 1976 BAP, „die“ Kölschrockband mit der er Triumphe feierte und zudem einer Generation den Soundtrack im Kampf gegen Kernkraftwerke und für den Frieden lieferte. Niedecken war und ist vor allem Texter und Sänger, komponiert aber auch. Er engagiert sich politisch und gesellschaftlich. Wolfgang Niedecken ist seit 1994 zum zweiten Mal verheiratet und hat aus der ersten Ehe (1983–1992) mit seiner Frau Carmen zwei Söhne; aus der Ehe mit seiner Frau Tina zwei Töchter. Seine Ehefrau Tina ist auch seine Managerin. Niedecken ist Fan von Bob Dylan, ein großartiger Kenner, was auch in einer beeindruckenden Film-Doku zu sehen ist. Er ist Fan des „Effzeh“ Köln. (tko)

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