Wolfgang Thiele aus Göttingen war dabei: Der das Wembley-Tor leicht nahm

Am Ticket-Schalter des Wembley-Stadions: Wolfgang Thiele (Mitte) und ein Freund warten auf den Einlass (oben).

Göttingen. Der wohl berühmteste Treffer - oder auch nicht, das Wembley-Tor, feiert 50-jähriges Jubiläum.

Heute vor 50 Jahren knallt der Engländer Geoff Hurst in Minute 101 des Fußball-WM-Finales England gegen Deutschland den Ball an die Unterkante der Latte. Ein Göttinger war damals dabei.

Wolfgang Thiele sitzt mit zwei Freunden auf der Tribüne hinter dem Tor, weiß aber letztlich auch nicht, ob der Ball vor, auf oder vollständig hinter der Linie aufspringt. Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz weiß es auch nicht. Sein Linienrichter aus Aserbaidschan, Tofik Bachramov, aber schließt aus den Reaktionen einiger Spieler: Der Ball muss hinter der Linie gewesen sein. „Yes, behind the line“, ruft er Dienst zu. Tor! 3:2 für England. 4:2 am Ende. Weltmeister England.

Kaum Proteste der Deutschen

Die deutschen Spieler protestieren kaum, sind faire Verlierer. „Vielleicht akzeptierte man damals generell die Schiedsrichter-Entscheidungen stärker als heute“, vermutet Wolfgang Thiele 2016. „Es gab ja auch keine Super-Zeitlupen, Video-Würfel im Stadion und schon gar nicht die Torlinientechnik.“

Der pensionierte Feinmechaniker Thiele, der viele Jahre beim SC Hainberg spielte und als Betreuer der 1. Mannschaft sowie ruhender Pol und mit dem Spitznamen „Gentile“ ausgestattet an der Seitenlinie agierte, ist an jenem 30. Juli in London „keine Minute lang traurig über die Niederlage“ - er und seine beiden Kumpels, die sich zunächst ohne Ticket aufgemacht haben, um ein paar schöne Tage in London zu verleben, sehen es locker: „Ich war damals aber auch noch kein richtiger Fußball-Fan“, erzählt Thiele.

Wolfgang Thiele hat sich eine englische Ausgabe mit einem Bericht über das Finale in Wembley aufbewahrt. Fotos: Privatarchiv/tko

Die Stimmung unter den 97 000 in Wembley tut ein Übriges. „Es gab keine deutsche Fan-Kurve, wir standen mitten unter den Engländern.“ Es ist eine friedliche Atmosphäre. Mehr noch: Die Fairness, die vielen Deutschen entgegengebracht wird, beeindruckt den 68-jährigen Thiele noch heute: „Außergewöhnlich, es war ja keine 20 Jahre nach dem Krieg, und die Deutschen hatten in London Schlimmes angerichtet.“ Nach dem Spiel gibt es Trost im Pub und vom Wirt in der Pension, wo die drei jungen Männer aus Detmold wohnen, die zuvor via Fähre nach Dover und per Zug nach London gefahren waren, dort vor dem Stadion von brasilianischen Fans drei Karten für jeweils umgerechnet unter 20 D-Mark erstanden.

Diskussionen seit 50 Jahren

„Das bleibt im Kopf“, wie Thiele sagt, während er die Original-Zeitungen und Schwarz-Weiß-Fotos betrachtet, die er von jenem 30. Juli aufbewahrt hat. So kommt Thiele Anfang August 1966 zwar nicht als „Weltmeister“ zurück, wohl aber mit vielen Eindrücken, auch außerhalb des Wembley-Stadions: Seine Fotos zeigen die Sehenswürdigkeiten wie Big Ben und Trafalgar Square aber auch normale Straßenszenen der Metropole wie einen Schuhputzer bei der Arbeit und junge Frauen in Mini-Röcken. „Die waren neu für uns Deutsche - und ein Foto wert“, schmunzelt Thiele noch heute.

Das Wembley-Tor sieht der später zum Werder-Fan gewordene Hainberger nüchtern: Die Diskussionen gehören seit 50 Jahren zur Fußball-Geschichte. Wolfgang Thiele aber ist ein Zeitzeuge - einer, der aber auch nicht mehr gesehen hat als Schiedsrichter Dienst.

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