Im Zauberwald: Shakespeares „Ein Sommernachtstraum" im Deutschen Theater Göttingen

Wer liebt hier wen? Bardo Böhlefeld (Lysander, links), Rahel Weiss (Helena) und Emre Aksizoglu (Demetrius). Fotos: Aurin

Göttingen. „Unter dem Licht des Mondes können mein Schatz und ich Hand in Hand sitzen“, singen die vier jungen Menschen und bauen sich brav dazu auf wie bei einer Schulaufführung. 

Mit dem aus dem Film „James Bond - 007 jagt Dr. No“ bekannten Song „Underneath The Mango Tree“ beginnt Matthias Kaschig seine Inszenierung von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am Deutschen Theater in Göttingen. Schon jetzt werden die zwei Männer und zwei Frauen emotional gebeutelt, wenn sie mal hier, mal dort Händchen halten, sich wegstoßen, in anderer Paarung finden.

Später wird das Lied mehrfach wieder aufgegriffen, nicht mehr im hübschen Satzgesang, sondern technomäßig ins Groteske gezogen - genau wie die Gefühlswelten der Figuren verzerrt und aufgerissen werden.

Kaschig inszeniert diesen Traum nicht als luftig-leichte Komödie, sondern konsequent und schlüssig als düsteren Albtraum. Er stellt Verzweiflung und Ratlosigkeit ins Zentrum. Dafür gab es bei der ausverkauften Premiere am Samstag viel Applaus. So wird Michael Böhlers Bühne dominiert von einem Dickicht aus einem grauem Gespinst, das aussieht wie aus dem Flusensieb des Wäschetrockners.

Zauberwesen: Andreas Jeßing (Elf, von links), Vanessa Czapla (Elf), Benedikt Kauff (Puck) und Benjamin Krüger (Elf).

Fast undurchdringlich kann dieser Zauberwald einen komplett einverleiben und wieder ausspeien. Das wirkt naturgemäß nicht gerade sympathisch - ebenso wenig wie die Horrorfilm-Elfen, die überdimensionale Babyglatzköpfe tragen (Kostüme: Stefani Klie). So sind die drei Sphären des Stücks optisch unterschieden: Die Liebenden tragen adrette Schuluniformen, die Handwerker Billig-Alltagskleidung, etwa fiese Musterleggings, und die Elfen sind zu Paillettengewändern fast nackt.

Elfenkönig Oberon befiehlt nun seinem Puck, mit einem Zaubersaft Liebesschabernack zu treiben - bei den Liebespaaren, aber auch bei seiner Frau Titania.

Ein Coup ist es, das Herrscherpaar geschlechterverkehrt zu besetzen - Gaby Dey ist als Oberon einfach großartig, mit Glatze und Bart klar maskulin zurechtgemacht, in Stimme und Körperhaltung aber ganz weich. Karl Miller ist eine spillerige Titania, die wie eine Spinne in ihrem Netz auf Beute lauert. Benedikt Kauffs Puck ist hier nicht (wie oft) die kecke Frohnatur, sondern in einer spannenden Figurenzeichnung allzeit-genervt, voller Überdruss: ein Angestellter, der einmal zu oft über die Bürowitze seines Chefs lachen musste.

In das Dickicht brechen die naiven Handwerker ein, die ihr Theaterstück probieren, und hier setzen Nikolaus Kühn, Lutz Gebhardt, Andreas Jeßing, Vanessa Czapla, Benjamin Krüger und allen voran Gerd Zinck als herrlich pathetischer Zettel auf derbe Albernheit mit Penis- und Popo-Witzen.

Weitere Vorstellungen: 

Wieder am 22., 30.10., 2.11., Karten unter Tel.  0551-496911.

Vielschichtig agiert das junge Darstellerquartett, das die Liebenden spielt - bei anfangs allerdings mangelnder Textverständlichkeit. Emre Aksizoglu und Bardo Böhlefeld hechten als Demetrius und Lysander in irrer Jagd akrobatisch über die Bühne. Rahel Weiss und Katharina Uhland deklinieren als Helena und Hermia alle Stadien des Verliebtseins durch und erzeugen einen hohen Wiedererkennungseffekt: Hässliches-Entlein-Gefühl, Anbetteln, Zurückweisen und dieses Erstauntsein, dass der tolle Typ einen möglicherweise wirklich liebt. Nö, war nur Zauberei.

Von Bettina Fraschke

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