Aktion Schule

Holocaust-Gedenktag: Zehntklässler reinigen Stolpersteine

Bringen die Gedenktafeln zum Glänzen: (von links) Nico Apel, Lilly Menzel, Ali Khadija, Corinna Schwab, Tsvetan Kamenov, Mustafa Kahraman und Vin Wolf.
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Bringen die Gedenktafeln zum Glänzen: (von links) Nico Apel, Lilly Menzel, Ali Khadija, Corinna Schwab, Tsvetan Kamenov, Mustafa Kahraman und Vin Wolf.

Die knapp 70 Stolpersteine, die in Göttingen an jüdische Opfer des Dritten Reichs erinnern, haben Zehntklässler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule am Donnerstag anlässlich des Holocaust-Gedenktags gereinigt.

Göttingen – Lilly Menzel und Corinna Schwab knieten vor dem Haus an der Weender Straße 70. Mit Schwämmchen schruppten sie die acht, im Pflaster eingelassenen Messingtafeln, ließen die Namen von Mitgliedern der Familie Hahn glänzen. In dem Gebäude hatte einst die Firma von Kaufmann Max Raphael Hahn ihren Stammsitz.

1941 wurde der damals 61-jährige Unternehmer, der 20 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Gemeinde gewesen war, mit seiner zuckerkranken Frau deportiert. Sie starb eventuell bereits unterwegs. Er wurde im Jahr darauf in einem Wald bei Riga bei einer Massenerschießung ermordet. Einigen Familienmitglieder gelang die Flucht in die USA, nach England oder Palästina.

Die Jugendlichen legten zusammen mit ihren Mitschülern Nico Apel, Mustafa Kahraman, Tsvetan Kamenov, Ali Khadija und Vin Wolf weiße Rosen nieder. Sie ehrten damit auch die Namensgeber ihrer Schule, die 1942 mit anderen in München die Widerstandsgruppe Weiße Rose gegründet hatten. Aufgeteilt in zehn Gruppen säuberten die Jugendlichen die Stolpersteine in der Innenstadt.

Jüdische Gemeinde in Göttingen

Zuvor hatten die Zehnklässler mit ihren Geschichtslehrern Eva-Lotte Brüdersdorf und Gabriel Morath bei einem Rundgang an verschiedenen Stellen Station gemacht. „1933 war die jüdische Gemeinde in Göttingen fast 500 Mitlgieder stark gewesen“, berichtete Morath. An der Unteren Masch 1 stand damals eine repräsentative Synagoge. Als Nazis sie während der Reichspogromnacht 1938 niederbrannten, war die Zahl der Gemeindemitglieder bereits auf 220 Personen geschrumpft.

„Die Ausgrenzung der Juden in Göttingen hatte schon früher begonnen“, betonte der Lehrer. So waren Nazis im März 1933 durch die Weender Straße gezogen, hatten die Schaufenster von Geschäften in jüdischem Besitz eingeschlagen und die Inhaber herausgezerrt. Zum Gespött der Bevölkerung mussten sie auf einen Leiterwagen steigen. „Eine beherzte junge Frau stoppte den Zug“, lobte Morath.

Gedenken an Enteignungen

An der Jüdenstraße zeigte der Lehrer den Jugendlichen das ehemalige Bekleidungsgeschäft Fleischmann. „Otto Fleischmann hatte den Laden seinem jüdischen Chef für einen Spottpreis abgekauft“, sagte der Lehrer. Der jüdische Vorbesitzer sei nie entschädigt worden und in den 60er Jahren verarmt in Israel gestorben. Daran habe sich Familie Fleischmann nach dem Krieg nur ungern erinnern lassen.

Die Schüler machten an der Weender Landstraße 26 gegenüber vom Bartholomäusfriedhof Station. Dort hatte einst das Haus gestanden, in dem Göttinger Juden zuletzt wohnen mussten. 1941/42 wurden die verbliebenen Gemeindemitglieder vom Bahnhof aus in Ghettos im Osten deportiert. (Michael Caspar)

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