Bilderausstellung einer Zeitzeugin der Belagerung Leningrads

Initiatorin der Göttinger Ausstellung: Lea Sorina überlebte als Kind die Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen. Foto: bsc

Göttingen. Auf ein dunkles Kapitel der deutsch-russischen Geschichte macht Zeitzeugin Lea Sorina mit einer Ausstellung in Göttingen aufmerksam. Die 80-Jährige erlebte als Kind die Belagerung Leningrads, heute St. Petersburg, durch deutschen Truppen.

Wer in die Augen von Lea Sorina blickt, der kann das Leid, das sie als Kind erlebt hat, erahnen. Sie musste erleben, wie durch Hunger und Kälte viele Einwohner ihrer Heimatstadt ums Leben kamen. Selbst musste sie Hunger erleiden und kam schließlich mit ihrer Mutter aus dem Kessel heraus, eine Cousine überlebte die Flucht nicht.

In Deutschland ist die dreijährige Belagerung zwischen 1941 und 1944 und die Befreiung vor 70 Jahren ein (fast) unbekanntes Kapitel. Die Seniorin, die vor über einem Jahrzehnt nach Göttingen kam und sich in der jüdischen Gemeinde engagiert, will, dass die Schicksale nicht vergessen werden.

Seit Spätsommer vergangenen Jahres hat sie die Ausstellung, die noch bis Sonntag in einer Göttinger Galerie zu sehen ist, vorbereitet. „Wir sind den Verteidigern Leningrads und denen, die die Belagerung nicht überlebt haben, schuldig, an sie zu erinnern“, sagt Sorina. Deshalb hat die Ausstellung den Titel „Niemand ist vergessen und nichts ist vergessen“ – nach den Worten der Dichterin Olga Berggolts, die die Belagerung ebenfalls überlebt hat. Sorina hat nur Bilder ausgesucht, von denen Fotograf und Datum der Aufnahme bekannt ist. Sie zeigen ganz eindrücklich, welche unsäglichen Leiden die Bevölkerung aushalten musste. Unterernährung war die Haupttodesursache und führte zu einem Massensterben in Leningrad.

Ein Stück Hoffnung

Im Obergeschoss ist aber auch ein Stück Hoffnung zu sehen: Dort werden Kinderbilder gezeigt, die während der Belagerung entstanden sind. Sie drücken das Entsetzen und die Hoffnung gleichermaßen aus.

Mit Blick auf junge Leute von heute sagt Lea Sorina: „Sie müssen lernen, dass Strömungen wie der Nationalsozialismus Krieg verursachen können, der mit unsäglichem Leid verbunden ist. Der Zweite Weltkrieg hat großes Unglück über Europa gebracht, deshalb darf sich so etwas nie wiederholen.“

„Solange die Erinnerung an diese schrecklichen Tage in den Herzen der Menschen lebt und an die nächsten Generationen weitergeben wird, kann sich die Tragödie nicht wiederholen.“

Die Belagerung von Leningrad ist aus ihrer Sicht eine wesentliche und tragische Seite der russischen Geschichte, die mehr als zwei Millionen Zivilisten und Soldaten das Leben gekostet hat. Zeitzeugin Lea Sorina macht deutlich: „Solange die Erinnerung an diese schrecklichen Tage in den Herzen der Menschen lebt und an die nächsten Generationen weitergeben wird, kann sich die Tragödie nicht wiederholen.“

Belagerung nach Angriff auf Sowjetunion

Nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ erfolgte von September 1941 bis Januar 1944 die Belagerung Leningrads, heute St. Petersburg, durch die deutsche Wehrmacht. Für die Bevölkerung waren die Folgen verheerend: Unterernährung war die Haupttodesursache und führte zum Massensterben in der Stadt. Schätzungen gehen von etwa 1,1 Millionen zivilen Bewohnern der Stadt aus, die infolge der Blockade ihr Leben verloren.

Ausstellung in der Galerie "Alte Freuerwache" 

Die Ausstellung ist am Freitag, 31. Januar, von 15 bis 18 Uhr sowie am Sonntag, 2, Februar, von 11 bis 13 Uhr in der Göttinger Galerie "Alte Feuerwache", Am Ritterplan 4, zu sehen. An der Vorbereitung und Realisierung der Ausstellung waren die Jüdische Gemeinde Göttingen, Aktion Sühnezeichen, das Bündnis "Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - 27. Januar", der DGB und die DGB-Jugend beteiligt. Weiterhin gibt es am Sonntag, 2. Februar, einen Vortrag zum Thema "St. Petersburg und Göttingen - alte Wissenschaftsbeziehungen". Dazu wird Prof. Dr. Reinhard Lauer als Referent erwartet. Beginn ist um 17 Uhr im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde in Göttingen, Angerstraße 14.

Von Bernd Schlegel

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