Zwei Göttinger Standorte fusionieren

In Göttingen entsteht nach Fusion im Januar 2022 ein Mega-Max-Planck-Institut

Fotomontage zweier nebeneinander liegender Gebäude, die von Bäumen umgeben sind.
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Werden 2022 fusionieren: Das Max-Planck-Institut (MPI) für Experimentelle Medizin (links) in Nähe der Uni-Klinik und das MPI für biophysikalische Chemie am Faßberg oberhalb des Uni-Nordbereichs. (Repro)

In Göttingen gibt es die größte Häufung von Max-Planck-Instituten, nämlich fünf. Ab Januar 2022 werden es nur noch vier sein. Aber: Eine Schließung ist nicht der Grund dafür.

Göttingen – Aus dem Zusammenschluss von MPI für biophysikalische Chemie am Faßberg und MPI für Experimentelle Medizin gegenüber der Universitätsmedizin (UMG) wird ein neues Mega-Institut entstehen, mit einem Budget von rund 75 Millionen Euro und etwa 1000 Mitarbeiter in 16 Abteilungen. Der Name ist noch offen.

Keine Kündigungen – Fusion soll beim Sparen helfen

Es werde keine Kündigungen geben, sagt Nils Brose, geschäftsführender Direktor am MPI für Experimentelle Medizin. Ziel des Zusammenschlusses sei auf längere Sicht der effizientere Personaleinsatz – in enger Absprache mit dem Betriebsrat, betont Marina Rodnina, geschäftsführende Direktorin am MPI für biophysikalische Chemie. Geld, das so frei werde, solle verstärkt in die Forschung fließen.

Nils Brose

Auch bei der Nutzung von zum Teil extrem teurem Gerät soll der Zusammenschluss helfen zu sparen: Beide Institute betreiben so feinmechanische Werkstätten sowie Labore für Mikroskopie und Massenspektroskopie. Das soll auch in Zukunft so bleiben, aber nicht jedes der teuren Geräte muss an beiden Standorten stehen.

Breites Göttinger Spektrum für Wissenschaftler interessant

„Wir arbeiten bereits heute eng zusammen“, betont Nils Brose. Im Bereich der Biologie überlappen sich die Forschungsfelder.

Mehr noch: Auch in gemeinsamen Forschungsprojekten mit der Universitätsmedizin und dem Deutschen Primatenzentrum und der Universität, so in den traditionell am Göttingen Campus sehr starken Neurowissenschaften und der Biomedizin, gibt es zahlreiche gemeinsame Forschungsprojekte und -verbünde, auch über Sonderforschungsbereiche (SFB) und Forschungscluster.

„Unsere Möglichkeiten ergänzen sich“, sagt auch Rodnina und nennt die Beispiele Proteinanalytik oder bei Tierversuchen“. Unter einem – organisatorischen – Dach werde die Nutzung für Wissenschaftler künftig einfacher.

Marina Rodnina, MPI für biophysikalische Chemie.

„Ein großes Institut gibt uns mehr Freiheiten bei der Besetzung offener Stellen“, nennt Nils Brose als einen weiteren Vorteil. Göttingen werde mit seinem außergewöhnlich breiten Spektrum, das künftig von Physik und Chemie über Struktur- und Zellbiologie bis hin zu Neurowissenschaften und biomedizinischer Forschung reiche, für Wissenschaftler interessanter.

Max-Planck-Gesellschaft: MPI an gemeinsamem Campus

An kaum einem anderen Ort in Deutschland lasse sich multidisziplinärer forschen, ergänzt auch der Chemie-Nobelpreisträger von 2014, Stefan Hell, der am MPI auf dem Faßberg die Abteilung NanoBiophotonik leitet und das bahnbrechende STED-Mikroskopierverfahren entwickelt und verfeinert hat.

Stefan Hell, Nobelpreisträger für Chemie.

Hell hofft so auf die Rekrutierung von Nachwuchstalenten, „die mit neuen, fächerübergreifenden Ansätzen „die Richtung der Wissenschaft grundlegend verändern wollen.“

Die Göttinger fanden mit ihrem Fusionsplan Gehör bei der in München ansässigen Max-Planck-Gesellschaft, die seit Jahren das Ziel verfolgt, die MPI an einem Standort soweit möglich zu einem gemeinsamen Campus zusammenzuführen.

Es gibt noch Platz für Neubauten für andere Göttinger MPI

So können die Hörsäle, Seminarräume oder Mensen geteilt werden. Auf dem Göttinger Faßberg, wo 2011 der Neubau der MPI für Dynamik und Selbstorganisation entstand, ist das der Fall.

Nils Brose übrigens kann sich auch vorstellen, dass sich künftig in „seiner“ Nachbarschaft an der Hermann-Rein-Straße/Robert-Koch-Straße andere Göttinger MPI niederlassen könnten. Dort gebe es noch Platz für Neubauten.

In Göttingen gibt es noch neben den drei genannten Max-Planck-Instituten noch das MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften am Hermann-Föge-Weg und das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPIDS) mit einem Neubau am Justus-Von-Liebig-Weg. (Michael Caspar, Thomas Kopietz)

Hintergrund: MPI für biophysikalische Chemie und für Experimentelle Medizin

Das MPI für biophysikalische Chemie ist aus dem Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie hervorgegangen. Karl Friedrich Bonhoeffer baute es von 1949 an in Göttingen als MPI wieder auf.

1971 fusionierte es auf Anregung von Nobelpreisträger Manfred Eigen mit dem ebenfalls in Göttingen ansässigen MPI für Spektroskopie.

Das MPI für biophysikalische Chemie wirbt zusätzlich zum Kernhaushalt von 49 Millionen Euro im Jahr Drittmittel von acht bis zehn Millionen Euro ein. Es beschäftigt 750 Mitarbeiter in 13 Abteilungen. Weitere Nobelpreisträger sind Erwin Neher und Stefan Hell.

Das MPI für Experimentelle Medizin entstand 1947 als Medizinische Forschungsanstalt der noch existierenden Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Seit 1965 nutzt es unter dem heutigen Namen Gebäude an der Hermann-Rein-Straße.

Seit Ende der 1990er Jahre liegt der Forschungsfokus des Instituts auf den Neurowissenschaften – grundlegenden molekularen und zellulären Prozesse im Nervensystem sowie deren pathologischen Störungen.

Das MPI wirbt zusätzlich zu seinem Kernhaushalt von 14 Millionen Euro Drittmittel von drei bis 4,5 Millionen Euro ein. Es beschäftigt 250 Mitarbeiter in drei Abteilungen.

Die Wiege der Max-Planck-Gesellschaft steht in Göttingen: Dort entstand aus der am 11. Januar 1911 gegründeten und von den Nazis beherrschten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) am 26. Februar 1948 die MPG.

Schlüsselfigur des Neubeginns ist Max Planck. Die Briten holen den Physik-Nobelpreisträger aus Rogätz in der sowjetischen Besatzungszone nach Westen, bringen den 87-jährigen Planck am 16. Mai 1945 nach Göttingen, wo er sich bereit erklärt, zunächst KWG-Präsident zu werden.

Die Amerikaner wollen die von Nazis durchsetzte KWG auflösen, die Briten sie aber bestehen lassen.

Sie entwickeln das Modell Max-Planck-Gesellschaft mit dem weltweit geachteten Namensgeber als Präsident vorneweg und Nobelpreisträger wie Otto Hahn, Werner Heisenberg und Adolf Windaus. Gründungsort war die Aerodynamische Forschungsanstalt.

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