Uni Göttingen im Jahr 2021

Uni Göttingen im Spagat zwischen Exzellenz-Anspruch und Spardruck

Seit April Präsident der Uni Göttingen: Prof. Metin Tolan.
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Seit April Präsident der Universität Göttingen: Prof. Metin Tolan.

Niedersachsens Universitäten sind in einer schwierigen Lage. Ein Blick auf die traditionsreiche wie renommierte Georg-August-Universität Göttingen zeigt das.

Wieder zusammenrücken, intensiv in der Sache streiten, diesen Zank aber nicht öffentlich in den Medien bundes- und europaweit austragen, eigene Entscheidungen transparent machen und – generell – nach vorne schauen: Mit diesen Prämissen ist Metin Tolan als Präsident der ob ihrer Spitzenforschung angesehenen Uni Göttingen im April ins Amt eingestiegen.

Ein Amt, das ihn sofort damit konfrontiert, welchen Spagat die Uni vollbringen muss zwischen Sparkurs und Investition für den Exzellenzwettbewerb.

Es gilt, die Gräben zuzuschütten, die das peinliche Prozedere um Auswahl und Wahl des Präsidenten hinterlassen hat. Eine Wahl, die 2019 platzte, als das Verfahren gerichtlich angefochten wurde und die Medien bundesweit darüber berichteten. Es blieb ein Imageschaden.

Ruhiger nach Außen ist es in den gut zwei Monaten mit dem Physiker tatsächlich geworden – aber nicht still. Dafür sorgen zum Teil herausragende Erfolge einiger Wissenschaftler der Uni und Uni-Medizin, dafür sorgen aber auch die Diskussionen um die Lehre fast ohne Präsenz in der Corona-Zeit, das schwach köchelnde studentische und soziale Leben in der Stadt, weil gefühlt nur 20 Prozent der gut 30 000 Studierenden vor Ort sind – zudem viele Lehrende die Vorlesungen, Seminare und Prüfungen online fernab aus dem Homeoffice betreuen.

Für Gesprächsstoff und Bewegung sorgen auch Demos und Protestnoten gegen die Folgen der Uni-Finanzprobleme, die durch Mittelkürzungen des Landes verstärkt werden. Resultat sind Einsparungen beim Personal, inklusive der fortschreitenden Befristung von Arbeitsverträgen. Für den öffentlichen Protest zeichnet die bunt zusammengesetzte Initiative „Uni Göttingen unbefristet“ verantwortlich. Aktuell achten diese Kritiker verstärkt darauf, ob der vom Bund in 2019 geschlossene „Zukunftsvertrag Studium und Lehre“ und mehr Geld für Personal in Studium und Lehre ab 2021 auch in Göttingen in unbefristete Verträge mündet.

Und dann sind da noch die Wissenschaftler, die genau das zeigen, was sich Metin Tolan im Gespräch mit unserer Zeitung vor seinem Amtsantritt gewünscht hat: Sie bringen sich in die künftige Gestaltung der Uni ein. Sieben Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichsten Disziplinen haben quasi die neuen „Göttinger Sieben“ gebildet – mit dem Ziel, die Uni bis 2030 klimaneutral zu machen.

Man müsse als Universität bei solch notwendigen Vorhaben vorangehen, Zeichen setzen und ein klares Konzept für die Klimaneutralität vorlegen, sagt die Initiatorin und Medizinethikerin Claudia Wiesemann. Im Senat wurde das Vorhaben bereits vorgestellt. Man wolle „viele in der Uni erreichen, überzeugen“, so Wiesemann.

Tolan steht jedenfalls dahinter. Er, der nach Außen Zuversicht verbreitet, wenn er von der Spitzenqualität und der internationalen Reputation der Uni spricht, aber auch eine verzerrte Wahrnehmung bemerkt: „Die Universität scheint in einem Zustand zu sein, in dem sich viele Beschäftigte und Studierende schlechter fühlen, als es die tatsächliche Lage ist.“

Insider aber sehen das nicht so positiv, beklagen die finanzielle Ausstattung. Die würde beim Re-Start in den Wettbewerb – die Uni scheiterte zuletzt zwei Mal – einem platten Reifen gleichkommen.

Metin Tolan sagt, dass bestimmte Uni-Bereiche dabei nicht ausgeklammert werden dürfen. Er „warnt davor, zu glauben, dass man nur einzelne Teile der Uni weiterentwickeln muss, damit es mit der Exzellenz funktioniert“. Das klingt nach einer Korrektur des Kurses, den die Seglerin und Vorgängerin Ulrike Beisiegel gefahren hatte. (Thomas Kopietz)

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Das Land hat die Zuschüsse für die Universitäten gekürzt: Gespart wird an der Bildung. Und dieser Sparkurs schlägt durch – bis auf die unteren Ebenen, die stundenweise Lehrenden oder Mitarbeiter in der Verwaltung. Ihnen werden Stunden oder gar die Stellen gestrichen. Arbeitsverträge gibt es oft nur noch befristet. Nachwuchswissenschaftler können sich so ohne Zusatzjobs kaum über Wasser halten, geschweige denn die Zukunft und Familien planen; Seminare oder ganze Studiengänge brechen weg, die Qualität der Ausbildung leidet.
Demgegenüber stehen glänzende Forschungserfolge, die weltweit Reputation und Verbindungen schaffen. Hochleistungsforschung mit wachsender internationaler Beachtung hier, knappe, marode Räume, Ausstattung, wenig Personal und eine bröckelnde Lehre für Studierende dort: So war es 1985, so ist es 2021. Und das Land? Niedersachsen spart, will aber gleichzeitig, dass die Hochschulen erfolgreich sind; will deren Wettbewerbsfähigkeit verbessern, wie Minister Björn Thümler (CDU) sagt.

Ein frisiertes Hochschulgesetz hält er für das probate Mittel, um die Ziele zu erreichen: mehr Eigenverantwortung und stärkere Präsidien und Senate. Auch sollen den Unis die Berufungen, also der „Einkauf“ von Top-Wissenschaftlern auf dem „Transfermarkt“, erleichtert werden.
Mehr Autonomie, schnellere Entscheidungen – unabhängig vom Wissenschaftsministerium: Das wird kaum ein Uni-Präsident ablehnen. Und diese Verbesserungen sind auch notwendig, wie die Hängepartie um das Impfen für Lehrende und Studierende zeigt, die das Zurück zum normalen Uni-Leben verzögert.

Der Blick auf die so alte wie renommierte Universität in Göttingen verdeutlicht, in welchem schier unlösbaren Spannungsfeld die Hochschulen stecken: Mit weniger Geld vom Land soll die Uni in einem beinharten Wettbewerb den Exzellenzstatus zurückholen. Das geht aber – neben einer klugen Taktik – auch nur über höhere Investitionen. Göttinger Professoren schauen deshalb auch neidisch nach Hessen, wo die Landesregierung mit mehr Geld die Unis für den bundesweiten Wettstreit um die Exzellenz besser vorbereitet. Niedersachsen sollte verhindern in eine Abwärtsspirale im Vergleich mit den Hochschulen anderer Bundesländer zu geraten. Noch ist Zeit zum Gegensteuern. Ein Lenkbewegung wäre eine eine bessere Finanzierung. Geld in Bildung investiert, das ist perspektivisch gedacht gut angelegtes Geld.

Tradition und Reputation: Die Uni Göttingen steckt im Konflikt zwischen Spardruck und hohen Ambitionen - hier das Auditorium am Weender Tor.

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