Suche nach Motiv - Wie ein weiterer Skandal verhindert werden könnte

Organspende-Skandal: Lockte Tantieme Göttinger Chirurg?

Göttingen. Der Mediziner, der verdächtigt wird, an der Uniklinik Göttingen für den Organspende-Skandal verantwortlich zu sein, hat sich womöglich durch die Aussicht auf eine Tantieme zur Fälschung von Patientendaten verlocken lassen.

Das meldete das Nachrichtenmagazin Focus am Wochenende. „Der Oberarzt hatte einen Zielvereinbarungsvertrag mit Leistungsbezug“, zitiert das Magazin einen Sprecher der Uni-Klinik. Dabei sei es üblich, dass das Gehalt von Chirurgen mit der Anzahl der Eingriffe steigt.

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Am Freitag war bekannt geworden, dass die Bundesärztekammer schwere Verfehlungen des Mediziners entdeckt hatte. Der 45-Jährige soll Patienten auf dem Papier kränker gemacht haben, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. Zuletzt schaffte der Beschuldigte 50 Transplantationen im Jahr – ein Spitzenwert in deutschen Kliniken.

Die Bundesärztekammer war durch einen anonymen Hinweis aufmerksam geworden. Zunächst ging es offenbar nur um einen Russen, der im Mai 2011 gegen die Regeln eine Spenderleber bekommen haben soll. Dem Bericht des Focus zufolge soll er zuvor 120 000 Euro an die Uni-Klinik bezahlt haben. (clm)

Organspende: Wie ein weiterer Skandal verhindert werden könnte

Wie konnte es zu dem möglichen Betrug an der Uniklinik Göttingen kommen? Wenn sich der bisherige Verdacht bestätigt, wäre es der wohl größte Organspende-Skandal in Deutschland. Nun sind die Überlegungen für Reformen in vollem Gange. Die Liste der Knackpunkte ist lang. Einige Beispiele:

Vertrauensseligkeit: Die mutmaßliche groß angelegte Manipulation von Patientendaten, die Kranke mit gefakten Diagnosen auf den langen Wartelisten für Spenderorgane nach oben rücken ließ, war für die deutschen Spitzengremien der Transplantationsmedizin bisher nicht vorstellbar. „Wir haben bei den Daten keinen größeren Kontrollbedarf gesehen, weil wir unter Kollegen absolut nicht mit so etwas gerechnet haben“, sagt Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer. Nun hat das Vertrauen einen Knacks erlitten. Ein erster Lösungsansatz von Lilie: Künftig ein Vier-Augen-Prinzip bei der Übermittelung das Daten.

Ethik: Bei dem möglichen Skandal geht es nicht um fehlerhafte Eingriffe, sondern um die ethische Frage, welcher schwerkranke Patient zuerst eine neue Lebenschance bekommt. Das Transplantationsgesetz hat festgelegt, dass dabei Dringlichkeit und Erfolgschancen an erster Stelle stehen. Das Entsetzen der deutschen Transplantationschirurgen rührt auch daher, dass jemand aus den eigenen Reihen wahrscheinlich hart mit diesen Prinzipien gebrochen hat. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir neben Qualifikation an unseren ethischen Maßstäben arbeiten“, sagt Wolf Otto Bechstein, Vorstand der Deutschen Transplantationsgesellschaft. „Wir haben eine besondere Verantwortung.“ Die Gesellschaft sei offen für mehr stichprobenartige Kontrollen.

Kontrolle: Der Gesetzgeber hat die Kontrolle der Organspende Gremien bei der Bundesärztekammer übertragen. Das System soll sich damit selbst kontrollieren. Kritiker bemängeln, dass in der Ständigen Kommission Organtransplantation, die laut Statut aus mindestens 18 Mitgliedern besteht, überwiegend Transplantationsmediziner sitzen. Damit kontrolliert sich also auch noch ein Fachbereich selbst, mit allen Abhängigkeiten, die in einer Zunft herrschen können. Nur ein Vertreter der Kommission kommt aus dem Kreis der Patienten und Angehörigen von Organspendern.

Staatliche Verantwortung: Die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung kritisiert die Bundespolitik für ihre Organspende-Regelungen auf ganzer Linie. Die Politik habe die Macht der Verantwortung zu sehr in die Hand privater Stiftungen gelegt, bemängelt Vorstand Eugen Brysch. Die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden ist zum Beispiel als Service-Organisation für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben europäischen Ländern verantwortlich, auch für Deutschland. Dabei arbeitet sie eng mit Transplantationszentren, Laboratorien und Krankenhäusern zusammen, die alle am Organspenden verdienen. Brysch verlangt eine staatliche Stelle, die ihre Hand auf die Organvergabe legt und auch Kontrolle führt. Die Verteilung von Lebenschancen dürfe man nicht privatisieren.

Ärztehonorare: Noch gibt das Motiv des mutmaßlichen Täters in Göttingen und möglicher Helfer Rätsel auf. Haben er oder sie Patienten abkassiert und ihnen im Gegenzug durch die Manipulation der Krankendaten schneller Spenderorgane verschafft? Oder zieht der Skandal Kreise bis hin zur Honorarpraxis in Krankenhäusern. Neben einem Grundgehalt gibt es dort die Möglichkeit einer zusätzlichen leistungsabhängigen Bezahlung. Sie könnte Transplantationschirurgen - und vielleicht nicht nur sie - zu Daten-Manipulationen einladen: Je mehr Operationen Ärzte durchführen, desto höher fällt die Prämie des Arbeitgebers aus. Sollte sich ein solches Motiv bestätigen, könnte diese Zusatzhonorare auf den Prüfstand geraten. (dpa)

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