„Der Fall der Götter“ im DT: Verstrickungen Industrieller  in der NS-Zeit

Rutschen auf dem Tischtuch: Andrea Strube und Meinolf Steiner als Sophie und Martin von Essenbeck. Foto: Bartlomiej Sowa

Göttingen. So ist das mit den berühmten Posen: Der Hitlergruß wird plötzlich zum Bestandteil des Ballermann-Discotanzes Macarena. Tanz und Hampeln, Posieren und Kraftmeierei gibt es zur Genüge in dem Naziverstrickungsabend „Der Fall der Götter“ am Deutschen Theater in Göttingen.

Wojtek Klemm inszeniert die Geschichte der Korrumpierbarkeit einer Industriellenfamilie um 1933 nach dem Film „Die Verdammten“ von Luchino Visconti. Zur Premiere am Samstag im ausverkauften Haus gab es freundlichen Applaus.

Sich einlassen mit den neuen Machthabern und die Familie mittels Intrigen entsprechend einnorden: Visconti entwirft ein auch exemplarisches Bild von der Biegsamkeit der Moral, von Charakteren, die angesichts von Einflussoptionen Skrupel und Manieren so beherzt über Bord werfen, wie die SA das Horst-Wessel-Lied absingt.

Am DT wird nun eine Theaterfassung des Films gezeigt, die Tom Blokdijk entwickelt hat. Darin spielen die Hauptdarsteller jeweils mehrere Rollen. Und im Programmheft wird – wohl aus lauter Unsicherheit, ob man das auch versteht – fürsorglich erklärt, was das bedeuten soll: „Ohne Worte wird deutlich, dass ein und dieselbe Person gegensätzliche Entscheidungen treffen kann.“ Ein Problem des Abends ist, dass die Figuren tatsächlich schwer auseinanderzuhalten sind, besonders bei Andrea Strube, die ihre beiden Rollen der Sophie und Elisabeth gleich spielt. Meinolf Steiner, der sogar drei Figuren verkörpert – den Firmensenior, den schwächlichen Erben mit seinen perversen Gelüsten und den Mörder – muss zur Unterscheidung andauernd die Jacke wechseln. Enervierend lang dauern diese Aus- und Anziehereien, teilweise für nur ein Wort, einen Gesichtsausdruck. Das ist zäh und bringt erzählerisch wie ästhetisch nichts.

Vier Schauspielerinnen im Dominalook mit sexy Uniform und Dutt (Ausstattung: Mascha Mazur) begleiten die Hauptfiguren ständig, wirken als Kommentatorinnen und Erzählerinnen, mal verstärken sie die Bilder, mal verzerren sie sie ins Grelle (Choreografie: Efrat Stempler). So wird gehampelt, geschrien, ins Mikro gesungen („Ich geb Gas, ich will Spaß“). Was dahinter an tieferer Bedeutung sein könnte, wird von dem Getöse oft verdeckt.

Es sind nur wenige Momente, die in emotionaler Tiefe oder in stilistisch überformter Klarheit überzeugen: Wenn Meinolf Steiner sich als geil sabbernder Martin an einem jungen Mädchen (Anja Schreiber) vergreift und in der Szene auf einem nostalgischen Schaukelpferd trotz aller Abstraktion der ganze finstere Missbrauch präsent ist.

Im gelungenen vielschichtigen Schlussbild feiert die Familie an der langen Tafel. Oben auf den Tischtüchern laufend rutscht man hin und her, gleitet, stolpert. Hier gelingt es, die Posen fast unmerklich wechseln zu lassen von Kraftmeierei zu Sex zu Gewalt zu Demütigung.

Wieder am 29.1., 5., 7.2., Karten: 0551-496911.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.