Göttinger Gruppe: Bewährungsstrafen für zwei Ex-Vorstände

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Sollte Firmensitz werden: Die Göttinger Gruppe wollte in dieses stattliche Gebäude im Industriegebiet Siekhöhe in Göttingen einziehen.

Göttingen. Achteinhalb Jahre nach der spektakulären Pleite des Finanzkonzerns Göttinger Gruppe hat das Landgericht Göttingen am Mittwoch zwei damalige Vorstandsmitglieder zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Die Kammer befand beide Angeklagte der Insolvenzverschleppung für schuldig. Der 62-jährige Ex-Vorstand habe sich zudem in 77 Fällen der Untreue schuldig gemacht. Er erhielt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten.

Seine 55-jährige frühere Vorstandskollegin der zum Konzern gehörenden Securenta AG hat nach Ansicht des Gerichts einmal eine Untreue begangen, sie wurde zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Weil sich das Verfahren wegen Überlastung der Wirtschaftsstrafkammer so lange hingezogen hatte, gelten zwei Monate dieser Bewährungsstrafen bereits als vollstreckt.

Die Angeklagten hatten zu Prozessbeginn ein Geständnis abgelegt, nachdem sich zuvor die Verfahrensbeteiligten auf eine Strafobergrenze verständigt hatten.

Die Angeklagten hatten die Insolvenz um rund eineinhalb Jahre verschleppt. Bereits Ende 2005 sei die Securenta AG insolvent gewesen, der Insolvenzantrag wurde jedoch erst im Juni 2007 gestellt.

Vier Monate zuvor hatten die beiden Angeklagten für 200.000 Euro die exklusiven Vermarktungsrechte für ein sogenanntes „Wellness-Handy“ erworben. Das Gericht stufte diese Investition als unerlaubtes Risikogeschäft ein, weil die Gesellschaft zu dem Zeitpunkt bereits insolvent gewesen sei. Dies erfülle den Tatbestand der Untreue, ebenso die zahlreichen Barabhebungen, die der 62-jährige Ex-Vorstand mit der Firmenkreditkarte vorgenommen hatte. De facto seien diese Abhebungen Privatdarlehen gewesen, da der Angeklagte das Geld für private Zwecke verwendet habe. Das Gericht wertete dies als Pflichtverletzung, da er den Aufsichtsrat nicht darüber in Kenntnis gesetzt hatte.

Das Urteil entsprach vom Strafmaß her dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte keinen konkreten Antrag gestellt. Sie plädierte dafür, die Angeklagten nur wegen Insolvenzverschleppung zu verurteilen. Der Vorwurf der Untreue sei dagegen nicht gerechtfertigt.

Die Pleite der Göttinger Gruppe war einer der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bei den umstrittenen Anlagemodellen sollen mehrere hunderttausend Anleger insgesamt rund eine Milliarde Euro verloren haben. (pid)

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