Göttinger Jura-Studenten für drei Nächte im Knast

Immer unter Beobachtung: Justizvollzugsbeamte Olaf Quandt hatte ein Auge auf die 70 Studierenden, die sich auf das Experiment im Oldenburger Knast einließen.
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Immer unter Beobachtung: Justizvollzugsbeamte Olaf Quandt hatte ein Auge auf die 70 Studierenden, die sich auf das Experiment im Oldenburger Knast einließen.

Göttingen. Um 22 Uhr drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die meisten waren dann auf acht Quadratmetern für sich allein. Ohne Telefon, ohne Internet, ohne Fernsehen. 15 Jura-Studenten aus Göttingen haben im Rahmen eines Seminars jetzt erfahren, wie es sich anfühlt, im Knast zu sitzen.

Gemeinsam mit Studierenden aus Hamburg, Greifswald und Münster verbrachten sie drei Tage und drei Nächte in einem Oldenburger Gefängnis.

„Es wurde einem schon mulmig zumute, wenn man am Abend allein in seiner Zelle saß“, erzählt die Göttinger Studentin Jana Prang. „Man hat viel Zeit zum Nachdenken.“ Auch für ihre Kommilitonen war die Nacht die schlimmste Zeit. „Man hat keine Ablenkung, außerdem war es nie richtig dunkel,“ sagt Sven Witzel. Durch die Außenbeleuchtung spiegelten sich die Gitterstäbe vor den Fenstern auf den Fußböden in den Zellen wider. Dann hätten sie zum Beispiel angefangen, darüber nachzudenken, wer dort vor ihnen in der Zelle, auf der Matratze, in der Bettwäsche gelegen hat. Verewigungen an den Wänden, ein Fernsehkabel unter der Matratze oder eine Bestellliste im Schrank heizten die Fantasien der Studenten zusätzlich an.

Diese Andenken stammen von echten Sträflingen. Seit Ende März steht das mehr als 150 Jahre alte Gefängnis in Oldenburg aber leer. „Es sind vollzugsnahe Bedingungen“, erklärt Prof. Dr. Jörg-Martin Jehle, der sich als Seminarleiter mit seinen Studenten dem Experiment stellte. Beispielsweise war das Einschließen in der Nacht keine Pflicht, auch waren die Essens-Portionen – wenn auch rationiert – größer als in

Prof. Dr. Jörg-Martin Jehle

der Realität. Bettwäsche, Handtücher und Geschirr stammten aber noch aus dem echten Gefängnisbetrieb.

Beim Thema Duschen verdreht Charlotte Müller die Augen. „Sechs Duschen für 60 Frauen, und gerademal 45 Minuten Zeit.“, sagt die Studentin. „Da musste man sich wirklich beeilen.“ Um 6.45 Uhr gab es Frühstück auf den Zellen. Toast, Margerine, Wurst und Käse – jeden Morgen. Und zum Abendessen das gleiche. „Man lernt plötzlich ganz einfache Dinge zu schätzen“, sagt Charlotte. Seien es nur ein Apfel oder ein Brötchen zum Früstück.

„Freiheit hat plötzlich eine ganz neue Bedeutung“, findet auch Christoph Pahl. „Ich war zum Beispiel gestern den ganzen Tag draußen“, erzählt sein Kommilitone Sven. Allein dafür habe sich die Erfahrung gelohnt. Und noch ein Aspekt ist für Jehle wichtig: „Wenn man so etwas gemeinsam erlebt, ensteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl.“

Von Verena Schulz

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