Ein großes Leben zwischen Buchdeckeln

Göttinger Literaturherbst: Alfons Kaiser und Gerhard Steidl über Karl Lagerfeld

Verleger Gerhard Steidl (links) steht neben dem Modedesigner Karl Lagerfeld.
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Zusammenarbeiter, die per Sie waren: Gerhard Steidl und Karl Lagerfeld, der allerdings nie in Göttingen war.

Auf Schloss Fürstenberg gehörte die Bühne Karl Lagerfeld und der Biografie von FAZ-Autor Alfons Kaiser mit dem Titel „Ein Deutscher in Paris“.

Göttingen/Schloss Fürstenberg – Der Literaturherbst setzte über die Weser und ein Reise-Bus fuhr von Göttingen zum Schloss Fürstenberg. Erstmals gastierte das Festival dort im Museum, das machte die Kooperation mit der Kulturstiftung Holzminden möglich, wie Literaturherbst-Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold sagte.

Ein Buch, das er nach Anfrage des Beck-Verlages, kurz nach dem Tod Lagerfelds am 19. Februar 2019, gar nicht schreiben wollte: „Unmöglich so ein Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen“, sagt Kaiser.

„Ich bin ungeeignet über Lagerfeld zu reden, wenn so jemand neben mir sitzt“, sagt er, der das Buch doch schrieb, und zeigt auf Gerhard Steidl und übertreibt ein wenig. Denn der Journalist mit Schwerpunkt Mode zählte durchaus zu dem kleinen Kreis von Journalisten, mit denen Lagerfeld regelmäßig sprach.

Gerhard Steidl: Er war ein Vertrauter Karl Lagerfelds

„Ein Modemacher braucht Journalisten aus dem Magazinbetrieb, um sich auszutauschen“, erklärt der Göttinger Verleger Gerhard Steidl. Der war ein Vertrauter Lagerfelds, was auch Kaiser sagt, Steidl aber umgehend in einer für ihn typischen Art und Weise relativiert: „Wir haben uns über Details und Fertigungsprozesse ausgetauscht.“

Steidl kannte Lagerfeld gut, Lagerfeld schätzte die Fähigkeiten Steidls, besonders bei der Erstellung von Fotobänden, denn Lagerfeld war ein formidabler Fotograf. Der Buch und Literatur-Verrückte Lagerfeld, der einen riesigen Bestand an Werken besaß und diesen beinahe täglich aufstockte, hatte in Steidls-Verlag die Linie „L.S.D.“, die Bücher wählte Programmchef Karl persönlich, sie spiegelte den vielfältigen literarischen Geschmack Lagerfelds. Steidl wiederum lieferte auch Druckwerke für die Shows des Modemachers und Marken wie „Karl Lagerfeld“, „Chanel“ und „Fendi“.

Lagerfeld pflegte auch die 90 Top-Journalistinnen, die zu den Shows kamen: In den Hotelzimmern standen prächtige Blumensträußen samt Willkommenskarte „von Karl“. „Wenn ich dann am Vorabend der Shows mit ihm etwas telefonisch klären wollte, dann bekam ich Schimpfe: Lassen Sie mich in Frieden mit ihrem Gequatsche, ich muss Karten schreiben. Das waren die Karten zu den Blumensträußen.“

Steidl verwahrt ein riesiges Archiv an Korrespondenzseiten mit Lagerfeld

„Du siehst aus wie ich, aber nicht so gut.“ Das Zitat stammt von Lagerfelds Mutter. Die beleidigte ihn oft, damals im Heimatort Beckum, das für sie zu proviziell war. Manche warfen auch Lagerfeld Arroganz vor. Diese war aus der Familie abzuleiten war, schildert Biograf Kaiser in längeren Monologen.

Steidls erzählt über die 150.000 archivierten Korrespondenzseiten, aber auch über das Kennenlernen und das erste Briefe-Ping-Pong mit Karl Lagerfeld. Der hatte Interesse an einem Buch für seine Fotos. Steidl forderte diese an, sie kamen per Post und hatten nichts mit Mode zu tun – Steidl übrigens auch nichts für Mode übrig.

Die Fotos aber sprachen ihn an, er fertigte Andrucke, schickte sie zu Lagerfeld – und der war begeistert: „Wir beide sind Papierfreaks und werden gut zusammenarbeiten.“ Es war der Start einer Kooperation, in der Steidl die „Bewerbung der Schauen inklusive aller Druckprodukte, wie Einladungen, übernahm.

1993 lieferte er den ersten Katalog für „Chanel“. Just hat Gerhard Steidl das neue Chanel-Magazin gedruckt – er bringt es Kaiser als Geschenk mit. Ein Geschenk waren die Berichte Steidls über ein doch mehr als rein geschäftliches Zusammenwirken mit Lagerfeld, der nie in Göttingen war. Das Fotobuch hieß übrigens „Off the record“ und ist laut Steidl so gut, „dass man es eigentlich jetzt erneut drucken kann“. (Thomas Kopietz)

Information

Alfons Kaiser: „Karl Lagerfeld – Ein Deutscher in Paris“, C.H.Beck, 384 S., 26 Euro.

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