Maffay, Zervakis und Bizer - über wichtige Fragen des Lebens

Göttinger Literaturherbst: Ein Koffer, voll mit Leben

Lebendig, augenzwinkernd: Linda Zervakis
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Lebendig, augenzwinkernd – Linda Zervakis kam zum zweiten Mal zum Göttinger Literaturherbst. Nach einem Auftritt 2019 in Hann. Münden las lebensfrohe wie sympathische Tagesschau-Sprecherin am Freitagabend im Alten Rathaus aus Teil zwei ihrer Autobiografie.

Ein Streifzug durch den Literaturherbst 2020 vom Wochenende: abwechslungsreich, bunt, lustig-kabarattistisch, musikalisch bis wissenschaftlich und ernst.

Göttingen – All das, „in einer Zeit, wo man morgens nicht weiß, was einen abends erwartet“, wie folgender Künstler sagt:

Auftritt in Duderstadt: Peter Maffay

Zwei schwere Harley-Maschinen, zwei Sessel, zwei Hocker für zwei Gitarreros und eine prächtig ausgeleuchtete Bühne. Angekündigt war ein Gespräch mit Peter Maffay, mittlerweile Opa des deutschen Rock, zu seinem Buch „Hier und Jetzt“. Los geht es – und wie könnte es auch anders sein – mit Musik von Peter Maffay und Peter Keller und von zwei akustischen Gitarren. Quasi als Aufwärmprogramm fürs Reden mit NDR-Moderator Joachim Dierks. „Wo sind die guten alten Zeiten hin?“, fragt Maffay im Song. Treffende Zeilen in diesen Zeiten. „Was gestern war, das gilt nicht. Nur der Moment ist wirklich. Die Zeichen stehen auf jetzt.“

Das alles gibts live im Duderstädter Ballhaus ohne Publikum und im Netz bei „Literaturherbst OnAir“, dem neuen Format, das eingeschlagen hat. Gut 1100 schauen am Bildschirm zu, als Peter singt und redet. Sein in der Vor-Corona-Zeit entstandenes Buch unter Mithilfe von Gaby Allendorf mit dem Untertitel „Mein Bild von einer besseren Zukunft“ zeigt ohne zu beleeren einen Weg auf, basierend auf der Zuwendung zur Natur als heilende Kraft. Maffay selbst ging in diese Richtung, macht Landwirtschaft.

Und noch ein Star: Peter Maffay erzählte über sein Buch „Hier und Jetzt“, natürlich nicht ohne zu Singen – aber ohne Publikum im Ballhaus Duderstadt.

Maffay redet engagiert, erzählt von seinem AborigineFreund und dessen Einstellung zur Natur. Die hat er angenommen, spielt in seinem Leben und in der Arbeit mit der Stiftung für traumatisierte Kinder eine große Rolle. „Jetzt labere ich schon so viel“, sagt er plötzlich. Labern? Maffay hatte am Freitag viel zu sagen. Und Dierks war der richtige Partner in einem wunderbaren Gespräch auch über den Bauern Peter Maffay, der einen Bauernhof in Dietelhofen nahe des Starnberger Sees gekauft hat, wo es ihm Spaß macht Landwirt zu sein. „Und wo jeder vorbeischauen kann.“ Eine Formel über das richtige Leben jedenfalls will Maffay nicht geben und as ist sympatisch bescheiden. Diese Zurückhaltung ist sicher auch dem Alter geschuldet. Maffay ist fast 72. Ach ja, und ordentlich musiziert hat der Peter am Freitag auch ohne Publikum, so wie beim schönen „Ich wollte nie erwachsen sein.“ Und dann bedankt sich Peter noch bei seinem Freund Hans-Georg (Näder). „Jeder Besuch in der Stadt ist besonders und stets ein Erlebnis.“ Peter Maffay: „Hier und Jetzt“, Lübbe, 257 S., 20 Euro.

Lesung im Alten Rathaus in Göttingen: Linda Zervakis

Linda Zervakis ist 44, sympathisch und überaus beliebt. Warum das so ist, untermauert die Tagesschau-Sprecherin am Freitagabend im Alten Rathaus gleich in Minute eins der Lesung: „Guten Abend, meine Damen und Herren.“ Sie lacht herzhaft. „Gelernt ist eben gelernt.“ Aber eben nicht stumpf einstudiert. Sie selbst hat in der Tagesschau zwei Tage zuvor den Lockdown verkündet. „Deshalb ist das heute meine zweite und letzte Lesung – vorerst. Das fühlt sich so an wie Geburtstag, Weihnachten und Neujahr zusammen. Also feiern wir das heute.“ Zervakis stellt ihr zweites Buch vor, erneut eins über ihr Leben. „Ich bin nervös.“ Also liest sie zum Warm-Up erstmal Zuschauerzuschriften vor: So ein Lob für die neue Frisur. „Sieht besser aus als mit Seitenscheitel.“

„Etsikietsi“, heißt ihr Buch. Das bedeutet auch „So und so – das bin ich auch, so Deutsche und so Griechin, als Getränk gesehen: Mezzomix.“ Es geht um ihre Mutter, die ein „sehr schweres Leben“ hatte, wie Tochter sagt. Linda spielt mit ihrem deutsch-griechischen Leben, der Herkunft, sagt in einem Radio-Interview leicht angenervt scherzend „Ich bin wie Gyros-Bratkartoffeln“. Auf Dauer will die so normale Prominente aber nur eins sein: Europäerin. Als normale Unprominente schreibt sie über sich, ihre Mutter Chrissie, die ihr eine Kladde mit der Lebensgeschichte in die Hand gedrückt hat. Die Familiengeschichte ist dem Familienmenschen Linda Zervakis wichtig. Und darüber bereichtet sie offen: wie über Opa Costas, über die Reise mit der Mutter in die Familienvergangenheit. Diese Einblicke ins Land, die eigenen Wurzeln sind tief und doch punktuell. Offen sagt Linda Zervakis: Die Geschichten aus der Familienhistorie kommen ihr vor wie die Teile eines Puzzles, dessen Rand, dessen Gerüst gerade fertig ist. Dazwischen sind Lücken. Man erkennt höchstens Teile eines Ganzen, aber darin erkenne ich mich.“ Ein schönes, ein passendes Ende – mit einem Schuss Melancholie. Linda Zervakis: „Etsikietsi - auf der Suche nach meinen Wurzeln“, Rowohlt Polaris, 208 S.,16 Euro.

Lesung in der Paulinerkirche: Bettina Hizer

Bettina Hizer betrachtet in ihrem Vortag am Samstag in der Literaturherbst-Wissenschaftsreihe die Krankheit aus der Geschichte und hat so ein nie dagewesenes Buch über Krebs geschrieben: „Krebs fühlen“ – eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hizer betrachtet die Emotionen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Gefühle beeinflussen Krankheiten, das ist wissenchaftlich bewiesen. Hizer beleuchtet in dem Buch nicht nur die Gefühle der Kranken, der Angehörigen, sondern auch der Therapeuten. Haben Gefühle eine Geschichte. Ja, sagt Hizer, nicht nur im Verlaufe eines Lebens. Sie spricht klar, in Bildern, von einer „Lanschaft der Erfahrung“, die im 20. Jahrhundert immer wieder umgestaltet wurde.

Wissenschaftsreihe: In der Paulinerkirche und ohne Publikum sprach Bettina Hitzer über ihr Buch „Krebs fühlen“.

Themen sind auch die Entstehung und Erkennung von Krebs sowie das Sprechen über Krebs. Es geht aber auch darum, wie die Chemotherapie „ein neues Regime der Hoffnung“ schuf. Im Gespräch mit Frauke Alves vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen wird auch deutlich, dass sich vieles verändert hat über die Jahrzehnte im Leben mit Krebs. Vieles ist aber geblieben, so die Angst, die Auseinandersetzung mit der Trauer, das Annehmen der Krankheit als ersten therapeutischen Schritt. Bettina Hizer hat ein wichtiges Buch über Krebs geschrieben. Eines über die Gefühlsrevolution in Medizin und Gesellschaft. Bettina Hizer: „Krebs fühlen“ – eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“, Klett Cotta, 540 S., 28 Euro. (Thomas Kopietz)

Alle drei Veranstaltungen sind als Stream (kostenpflichtige Anmeldung) bis Ende November im Internet verfügbar. Weitere Infos gibt es hier.

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