Göttinger Organ-Prozess wirft Ethikfragen auf

Fordern die Richtlinien Verstöße heraus? Auch mit dieser Frage muss sich der Prozess um den Transplantationsmediziner Dr. O beschäftigen. Foto: dpa

Göttingen. Der siebte Verhandlungstag im Prozess gegen den Göttinger Transplantationschirurgen Dr. O. zeigte, wie komplex das Verfahren ist: Zum einen geht es um den Nachweis, dass der Angeklagte auch den Tod von Menschen verschuldet hat.

Das verlangt viel Kleinarbeit im Umgang mit Aussagen von Mitarbeitern. Doch der Prozess dreht sich auch um eine ethische Frage: Kann eine Richtlinie zur Organtransplantation, die auch das Führen einer Warteliste und den Umgang mit Patientendaten regelt, einen Arzt daran hindern, Menschenleben zu retten, in dem er einem Sterbenden eine Leber beschafft?

Verteidiger Steffen Stern hat dazu eine klare Meinung: „Das darf nicht sein.“ Der Vorsitzenden der Bundesärztekammer-Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder, die als Zeugin aussagte, stellte Stern die Frage, ob die Richtlinien nicht der Grund dafür sein könnten, dass die Prüfer so viele Verstöße in den 24 deutschen Lebertransplantationszentren gefunden haben.

Rinder verneinte das ausdrücklich. Sie lehnt auch eine pauschale

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Negativbeurteilung der Zentren ab. „Es waren nur wenige, in denen aber eine Vielzahl von Verstößen registriert worden ist.“ In 20 Zentren habe es keine Beanstandungen gegeben. Gefragt, welche Motivation ein Arzt für einen Verstoß haben könnte, nannte Rinder zunächst die Erhöhung der Transplantationszahlen im eigenen Zentrum und den persönlichen Ehrgeiz. Verteidiger Stern ist das zu wenig: „Sie denken nicht an die Patienten.“ Auch das Patientenwohl könne ein Grund für den Regelverstoß eines Arzt sein, schob Rinder nach und bekräftigte damit den Denk- und Handlungsansatz der Verteidigung.

Der Göttinger Strafrechtler Stern und der Medizinrechtler Jürgen Hoppe (Hannover) haben nämlich die Richtlinie und ihre Rechtmäßigkeit im Visier, stellen die Frage, ob es überhaupt bestraft werden kann, wenn ein Arzt seiner Pflicht nachkommt, Menschenleben rettet und dabei die Richtlinienvorgabe missachtet. Strafverteidiger Stern meint: „Es gibt verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Richtlinien.“

Das weiß auch die Juristin Rinder, die als Prüferin mit Medizinern die Transplantationzentren besucht hat, um dort über Stichproben und Gesamtuntersuchungen „systematische Verstöße“ aufzudecken. Die hat es im Göttinger Uni-Klinikum gegeben, wo die Prüfer bei 105 Lebertransplantationen 79 Regelverstöße fanden.

Der beschuldigte Dr. O. sei in Gesprächen durch oberflächliche Begründungen aufgefallen, auch in Bezug auf gemeldete Dialysepatienten, die gar keine Dialysen erhalten hatten, schilderte Rinder vor Gericht. Zudem seien Unterlagen anfangs nur zögerlich bereitgestellt worden.

Eines aber sagte Anne-Gret Rinder zur Richtlinien-Anwendung aber auch: Bei einer Mutter mit zwei kleinen Kindern könne man eine Ausnahme verstehen. Bleibt die wohl nicht vor dem Landgericht zu klärende Frage: Wo beginnt und wo endet die Geltung der Richtlinie und die Pflicht der Ärzte?

Von Thomas Kopietz

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