Zupacken auf der Autobahn

Auch wenn andere feiern: Göttinger Straßenwärter in Aktion

Straßenwärter Lars Pramann: Er muss auch nachts und an Feiertagen auf den Autobahnen 7 und 38 für Sicherheit sorgen. Foto: Schlegel

Göttingen/Fredelsloh. Damit der Verkehr auf den Autobahnen 7 und 38 in Südniedersachsen jederzeit fließen kann, sind Tag und Nacht Straßenwärter im Einsatz, die bei der Autobahnmeisterei Göttingen stationiert sind. Einer von ihnen ist Lars Pramann aus Fredelsloh.

Andere feiern 

Wenn andere feiern, ist der 38-Jährige im Einsatz - auch im ersten Feiertag bei einem Unfall in Höhe der Raststätte Rosdorf, bei dem drei Personen schwer verletzt wurden. „Für die Sofortmaßnahmen und die Rettung der Verletzten ist die Feuerwehr zuständig. Wir kümmern uns um die Schäden an der Autobahn“, sagt der Nebenerwerbslandwirt, der innerhalb von 20 Minuten in der Göttinger Dienststelle ist. Oft sind die Leitplanken kaputt und müssen innerhalb von wenigen Stunden gesichert werden. Außerdem beseitigt Pramann Öl, Diesel, Schmutz und Trümmerteile von der Fahrbahn, damit anschließend niemand gefährdet wird.

Unfallteam 

Zu einem Unfallteam gehören immer drei Straßenwärter: Und die haben oft Riesenprobleme, überhaupt an den Unfallort zu kommen. „Es wird nur selten eine Rettungsgasse gebildet. Und wenn sie gebildet wird, fahren einige sie sofort wieder zu.“ Warum das so ist, kann sich Pramann nicht erklären. Eine weitere Unsitte: Wenn die Straßenwärter durch den Stau fahren, nutzen insbesondere Motorradfahrer die Freiräume, um weiter nach vorne zu kommen. In vielen Fällen muss die Autobahnmeisterei die Polizei anfordern, um überhaupt durchzukommen.

Lastwagen als Hindernisse 

Zu echten Hindernissen nach einem Stau entwickeln sich inzwischen Lastwagen: Um keine Lenkzeitüberschreitung zu bekommen, stellen sich manche Fahrer auf den Standstreifen, ziehen die Vorhänge zu und schlafen. „Die Polizei oder wir müssen die dann wecken. Das ist total nervig“, sagt Pramann. Im Sommer kommen auch Autofahrer kuriose Ideen. So nutzt mancher Zeitgenosse die Mittelleitplanke im Stau als Ruhebank. „Das ist natürlich brandgefährlich, weil auf der Gegenfahrbahn der Verkehr ja weiterläuft.“

Handyfotos- und Videos 

Neueste Spielart im Kuriositätenkabinett: Auto- und Lkw-Fahrer machen von der Gegenfahrbahn aus mit dem Handy Video- und Fotoaufnahmen von der Unfallstelle und posten die „Trophäen“ bei Facebook. Folge: Es gibt Staus, da abgebremst wird, und weitere Unfälle. Diesem Problem will die Autobahnmeisterei demnächst mit der Anschaffung von mobilen Sichtschutzwände begegnen.

Rechnungen der Behörde 

Umsonst ist der Rund-um-die-Uhr-Service natürlich nicht. „Wir erfassen alle Arbeiten schriftlich und mit Bild. Die Stunden werden dann den Versicherungen in Rechnung gestellt“, sagt Pramann.

Schnelle Reaktion 

Er und seine Kollegen versuchen, die Fahrbahn in kürzester Zeit wieder freizuräumen. Dabei hilft technisches Gerät, wie Kehrmaschine oder ein Radlader. Die notwendigen Maschinen sind bei der Autobahnmeisterei an der Ausfahrt Göttingen-Dransfeld zu finden.

Zupacken 

„Man muss schon zupacken können und die Gefahren richtig einschätzen können“, erläutert er. Das war vor allem bei einem Unfall mit Rattengift kurz vor Weihnachten 2014 entscheidend. Damals war ein Lastwagen auf der Fahrbahn Richtung Süden kurz hinter Göttingen umgekippt. Die gefährliche Chemikalie hatte mit Wasser reagiert und giftige Gase gebildet.

Mehrere Wünsche 

Für das neue Jahr hat Pramann ein paar Wünsche für seine Einsätze nach Unfällen: „Die Leute sollen uns Platz machen und uns durchlassen. Nervig sind auch Diskussionen über Sperrungen oder Umleitungen. Wir wissen, was wir tun.“ Ein weiterer Wunsch, mehr Würdigung durch die Autofahrer zu erfahren: „Denn wir sorgen für Sicherheit und freie Autobahnen.“

Meisterei ist für Autobahnen 7 und 38 zuständig 

Die Autobahnmeisterei Göttingen gehört zum Geschäftsbereich Bad Gandersheim der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr.

Die insgesamt 35 Mitarbeiter sind für den 48 Kilometer langen Abschnitt von der Anschlussstelle Nörten-Hardenberg bis zur Landesgrenze bei Kassel sowie den 15,5 Kilometer langen Teil der Autobahn 38 zwischen dem Dreieck Drammetal bis zur Anschlussstelle Arenshausen verantwortlich. Zum Zuständigkeitsbereich gehört auch der Laubacher Berg bei Hann. Münden, der mit bis zu acht Prozent Steigung beziehungsweise Gefälle zu den steilste Autobahnabschnitten Deutschlands zählt. Dort wird der Winterdienst rund um die Uhr sichergestellt. Außerdem wurde dort eine der ersten Notfall-Haltespuren Deutschlands für Lastwagen gebaut.

Außerdem überwacht die Göttinger Zentrale zeitweise den Heidkopftunnel, den Bovender Tunnel und den Butterbergtunnel bei Osterode. Aktuelle Infos über die Verkehrslage gibt es rund um die Uhr auf einer Internetseite. (bsc)

www.vmz-niedersachsen.de

Hintergrund: Drei Jahre Ausbildung 

Nachwuchs-Straßenwärter werden bei den Autobahn- und Straßenmeistereien in Niedersachsen ausgebildet.

Wer sich für diesen Beruf interessiert, muss viel Flexibilität mitbringen und darf sich nicht vor Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit fürchten.

Die Mitarbeiter müssen neben Einsätzen nach Unfällen auch Grünpflegearbeit machen und den Winterdienst sicherstellen. Außerdem kann die Arbeit nur im Team erledigt werden. Bewerbungen sind bei der Landesbehörde möglich.

Lehrlinge verdienen im ersten Jahr etwa 850 Euro. Das Einstiegsgehalt nach der dreijährigen Ausbildung liegt zwischen etwa 1800 und 2300 Euro brutto.

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