Göttinger Wissenschaftler nehmen Arbeitszeit niedersächsischer Lehrer unter die Lupe

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Breite Basis: Projektleiter Frank Mußmann.

Hannover. In einer großen Studie untersucht ein Forscherteam der Universität Göttingen im Auftrag der Bildungsgewerkschaft GEW die tatsächlichen Arbeitszeiten der niedersächsischen Lehrer.

Drei Millionen Zeiteinträge sind bereits erfasst. Sie reichen von den normalen Unterrichtsstunden über Konferenzen und Pausenaufsichten bis hin zu abendlichen Telefonaten mit besorgten Vätern oder Müttern.

Ein ganzes Jahr lang sammeln dafür rund 3300 Pädagogen an 250 Schulen aller Formen tagtäglich die Daten ihrer dienstlichen Tätigkeiten. Private Dinge wie Essenspausen und Toilettengänge sollen sie dabei aussparen. „Wir legen das Tarif- und Arbeitsrecht hier streng aus“, sagt Projektleiter Frank Mußmann von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften.

Plausibilitätskontrollen sollen mögliche Mogeleien verhindern. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) bleibt dennoch skeptisch. Arbeitszeitstudien setzten „einen gründlich durchdachten Prozess“ voraus, daher seien sie derzeit nicht durchführbar.

Das sehen die Göttinger Wissenschaftler freilich ganz anders. Weitere drei Millionen Einträge sollen schließlich noch folgen. „Diese dichte Erfassung sorgt für eine richtig breite statistische Basis“, betont Mußmann zur Halbzeit der Studie. Am ersten Schultag nach den letzten Osterferien haben die Teilnehmer begonnen, ihre Arbeitszeiten aufzuschreiben oder in ihr Smartphone zu tippen; bis zum letzten Tag der Osterferien 2016 sollen sie es fortsetzen.

GEW-Landesvizechefin Laura Pooth verspricht sich von der Langzeitstudie, deren Kosten im unteren sechsstelligen Bereich liegen, ein realistisches Bild der zeitlichen Belastungen der Lehrkräfte. Die Gewerkschaft wollte damit zunächst Argumente gegen die von Rot-Grün aufgebrummte Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer um eine auf 24,5 Wochenstunden sammeln. Nachdem aber das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg im Juni diese Mehrarbeit bereits als verfassungswidrig gekippt hatte, will man jetzt auch die Dienstzeiten an den anderen Schulformen ins Visier nehmen.

Doch taugen die Daten dafür wirklich? Lädt das eigene Sammeln nicht geradezu zum Schummeln ein? „Als Beamte sind Lehrer zur Wahrheit verpflichtet“, zitiert Pooth das OVG, das die „Selbstaufschreibe“ ausdrücklich als geeignetes Instrument abgesegnet hat. „Es gibt keine Alternative dazu“, meint auch Forscher Mußmann. Ingenieure oder Juristen würden ebenfalls so verfahren.

Plausibilitätskontrolle

Bei ihrer Studie hat die Uni zudem eine Plausibilitätskontrolle eingebaut: Unrealistische Einträge fallen sofort auf, etwa wenn ein Lehrer fünf Dienststunden am Stück oder Unterricht am Samstag notiert. Gibt es keine vernünftige Erklärung dafür, wird der Datensatz des betreffenden Pädagogen zur Not komplett gelöscht.

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