Der Grenzübergang Duderstadt/Worbis: Das Schlupfloch gen Osten

Das Tor zwischen Ost und West: Ein Blick auf den Grenzübergang Worbis/Duderstadt vom Westen aus. Der Übergang wurde im Juni 1973 eröffnet. Fotos: Werner Keller

Göttingen. Der Grenzübergang Duderstadt/Worbis war bis 1989 für viele das Tor in den Osten: Im „Kleinen Grenzverkehr“, Folge des Grundlagenvertrages zwischen beiden deutschen Staaten im Jahr 1972, nutzten 5,5 Millionen Menschen aus der Region das Schlupfloch.

Am 21. Juni 1973 um Mitternacht sprang die Ampel an der neu errichteten Grenzkontrollstelle bei Teistungen von Rot auf Grün. Paul Schneegans (65), damals junger Beamter der Stadt Duderstadt, und viele Schaulustige wunderten sich, dass der erwartete Ansturm bei der Premiere des Kleinen Grenzverkehrs ausblieb: „Der erste Tag war mager, man zählte nur 47 Reisende.“

Zum einen musste die neue Reisemöglichkeit zwischen der Bundesrepublik und der DDR erst bekannt werden, zum anderen hatte die DDR für hohe bürokratische Hürden gesorgt: Bewohner in einem Streifen von etwa 50 Kilometern diesseits und jenseits der Grenze konnten neunmal innerhalb von drei Monaten in die Nachbarkreise fahren, mussten dies aber beantragen.

Dabei war der Kleine Grenzverkehr von Anfang an einseitig: Der Anteil der Besucher aus dem Osten lag nur bei maximal einem Fünftel, schätzt Schneegans, der heute ehrenamtlicher Geschäftsführer des Grenzlandmuseums Teistungen ist. Nur Rentner sowie DDR-Bürger bei dringenden Familienangelegenheiten ließ das SED-Regime raus. Westler mussten eine Visa-Gebühr (fünf Mark) entrichten, und der Mindestumtausch lag zuletzt bei 25 Mark.

Der Grenzübergang Worbis/Duderstadt: Uniformierte befestigen den Grenzübergang.

Immerhin - nach und nach stiegen die Zahlen der Reisenden. Der Höhepunkt, so erinnert sich Schneegans, war Ostern 1975, als der Verkehrsfunk einen Stau von 26 Kilometer Länge auf der B 247 (in Thüringen: F 247) meldete.

Der neue Übergang war zunächst provisorisch aus Baracken errichtet worden und wurde nach und nach ausgebaut. Bilder dokumentieren den Einsatz von Pionieren der Nationalen Volksarmee und ziviler Kräfte beim Arbeiten.

Der Standort Duderstadt ergab sich, weil er etwa auf der Mitte der damals bestehenden Übergänge Herleshausen/Wartha und Helmstedt/Marienborn lag. Im letzten Augenblick wollte die DDR-Administration Probleme machen - dabei wurde der Denkmalschutz der früheren Klosteranlage Teistungen ins Feld geführt. Doch die Grenzkommission aus Vertretern beider deutscher Staaten setzte sich durch, und so machte Duderstadt das Rennen.

Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972 

Der Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972 leitete eine neue Ära in den bis dahin frostigen innerdeutschen Beziehungen ein. Wandel durch Annäherung, war der Leitsatz der neuen Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD).

Paul Schneegans, Leiter des Grenzmuseums Teistungen - Grenzübergang Worbis/Duderstadt von einst.

Der Vertrag trat am 21. Juni 1973 in Kraft und regelt die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. In Artikel 1 wird der Wille zu gutnachbarlichen Beziehungen hervorgehoben, dazu gehörten auch Reiserleichtungen. Neue Grenzübergänge werden im Vertrag nicht ausdrücklich erwähnt, sondern gehören zu den Protokollnotizen. Artikel 7 regelt die Zusammenarbeit auf einer Reihe von Gebieten (Wirtschaft, Wissenschaft, Post-und Fernmeldewesen, Kultur und Sport). Vereinbart wurde die Einrichtung von Ständigen Vertretungen in Bonn und Ost-Berlin.

Am Grenzübergang entstand ein Museum 

Zahlreiche Vereine, aber auch Familien oder Privatpersonen aus Nordhessen und Südniedersachsen steuerten Duderstadt und den Grenzübergang Worbis an, um Verwandte im Eichsfeld, in Mühlhausen oder auch im Ostharz besuchen zu können. Für andere waren die touristischen Ziele interessant, wie die Höhlen im Harz oder die Wehranlage in Mühlhausen.

Kontakt

Grenzlandmuseum Eichsfeld, Duderstädter Straße 7 bis 9, 37339 Teistungen, Tel. 03 60 71/9 71 12, E-Mail: info@grenzlandmuseum.de

www.grenzlandmuseum.de

Was hatte Duderstadt vom Kleinen Grenzverkehr? Eher wenig. Allenfalls die Gastronomie bekam was ab, schätzt Paul Schneegans, Leiter des Grenzmuseums. Da waren die Besuchergruppen entlang der Grenze der gewichtigere Faktor. Als die Grenze 1989 schon gefallen war, erinnern sich Zeitzeugen, verrichteten Arbeitskräfte auf DDR-Seite noch Arbeiten an den Sperr- und Abfertigungsanlagen. Schneegans: „Da konnte man nur mit dem Kopf schütteln.“ Nach dem Zusammenbruch des zweiten deutschen Staates sollte die Kontrollstelle zunächst platt gemacht werden, das verhinderten der Duderstädter Stadtdirektor Wolfgang Nolte gemeinsam mit seinem Teistunger Amtskollegen Horst Dornieden und mit Unterstützung des Göttinger Kulturdezernenten Joachim Kummer. Mit bis zu 60.000 Besuchern im Jahr sind Grenzlandmuseum und Bildungsstätte heute ein Magnet ersten Ranges.

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt kostet vier, ermäßigt drei Euro. Der Grenzlandweg ist ganzjährig begehbar. (wke/bsc)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.