Ausstellung: Verleger Steidl stellt die Buchherstellung mit einem Nobelpreisträger vor

Günter Grass und seine 1200 Besuche in Göttingen

Verleger Gerhard Steidl erklärte die einzelnen Schritte der Buchherstellung.
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Verleger Gerhard Steidl erklärte die einzelnen Schritte der Buchherstellung.

Spannende Einblicke in die Arbeitsweise des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass (1927-2015) und des Göttinger Verlegers und Druckes Gerhard Steidl bietet die noch bis zum 15. November andauernde Ausstellung „Büchermachen mit Grass und Steidl“ im Günter-Grass-Archiv in Göttingen. Die Schau gehört zum Programm des Göttinger Literaturherbstes.

Göttingen – Bei der Eröffnung der Ausstellung im Corona bedingten kleinen Kreis skizzierte der leidenschaftliche Büchermacher Gerhard Steidl die über 30-jährige Zusammenarbeit, die bis ins letzte Detail ging. Rund 1200 Besuche absolvierte Grass dazu in Göttingen, dazu kamen viele Gegenbesuche Steidls in Behlendorf, dem letzten Wohnort des Schriftstellers, 25 Kilometer südlich von Lübeck, verriet der Verleger, der im November seinen 70. Geburtstag feiert.

„Günter Grass dachte nicht nur in Manuskripten, er dachte in Büchern“, schreibt der Göttinger über ihn. Entsprechend ging es zur Sache, wenn es um die Gestaltung vom Cover ging, das Grass als begnadeter Grafiker und Zeichner in der Regel selbst gestaltete.

Diskutiert wurde auch über Einband, Vorsatzpapier, Papierstärken, Schriften und weiteres mehr. Dabei seien Gestaltungs- und Schreibprozess oft parallel gelaufen. Grass habe aus dem neuen Manuskript vorgelesen und Autor und Verleger hätten erste Buchideen skizziert, die später in Göttingen umgesetzt worden sein.

Oft habe Grass danach selbst an der Druckmaschine gestanden und die Farbgebung der ersten Bögen begutachtet. Passend: Wie ein Druck abläuft, können sich Interessierte in der Ausstellung im Film „Symphonie einer Druckmaschine“ anschauen. Ebenso die grafisch gestalteten Cover, zum Beispiel von den Grass-Werken „Die Blechtrommel“ oder „Beim Häuten der Zwiebel“.

Als Beispiel für den technischen Herstellungsprozess dient in der Ausstellung die auf 1000 Stück limitierte Werkausgabe des Schaffens von Grass: 10 952 Seiten in 24 Bänden, die der Autor vor seinem Tod 2015 noch mit vorbereitet hat. „Nehmt nicht so dickes Papier, damit die Werkausgabe nicht so schwer wird“, habe Grass damals gesagt, so Steidl. Zu Format, Schrift und Seitengestaltung habe er genaue Vorstellungen gehabt.

Die Folge: Der Verleger kaufte eigenen Worten zufolge 30 Tonnen dünnes, nur 47 Gramm schweres Bibeldruckpapier in Frankreich. „Ich habe betteln müssen, um es zu bekommen“, sagte er. Die Fabrik sei ausgelastet, weil auf diesem Papier jährlich auch rund 100 Millionen Exemplare des Korans gedruckt würden.

Übrigens: Die Ausstellung wurde nur zwei Tage nach dem Tag eröffnet, an dem Günter Grass 93 Jahre alt geworden wäre. Auch Heinrich Böll (1917 bis 1985), ebenfalls Literaturnobelpreisträger, war an der Gestaltung seiner Werke sehr interessiert, sagte Verleger Steidl, der mit ihm in Köln zusammengearbeitet hatte. (Hans-Peter Niesen)

Ausstellung:

Büchermachen mit Grass und Steidl, Günter-Grass-Archiv Göttingen, Düstere Straße 6, bis 1. November täglich von 14 bis 18 Uhr, vom 2. bis 15. November täglich von 15 bis 17 Uhr, Eintritt frei. zu.hna.de/grass1020

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