Entspannt und gratis in die City

Hannover probierte am ersten Adventssamstag kostenlosen Nahverkehr aus

+
Ein Linienbus der Regiobus Hannover GmbH und eine Straßenbahn der Üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe an der Haltestelle Steintor.

Hannover - Einen Tag kostenlos Bus und Straßenbahn fahren: Das war am ersten Adventssamstag in Hannover möglich. Unser Korrespondent Peter Mlodoch war live dabei.

Das Ehepaar Fuest aus dem hessischen Hanau merkt es zu spät. Am Morgen lösen die beiden Wochenendtouristen am Automaten zwei Tagestickets zu je 5,60 Euro. Dabei ist an diesem 1. Adventssamstag der gesamte öffentliche Nahverkehr in der Region Hannover kostenlos nutzbar. Die meisten Einheimischen wissen das; ansonsten sind fast überall freundliche Helfer in weißen Westen unterwegs und verhindern das Bezahlen.

„Bus und Bahn gratis fahr’n“ heißt die Aktion, mit der der Großraum-Verkehr Hannover (GVH) seine gesamte Transport-Palette zwischen Bad Nenndorf, Springe, Großburgwedel, Lehrte und der niedersächsischen Landeshauptstadt bis um 5 Uhr am Sonntagmorgen zu Nulltarif anbietet. Es ist ein großes Experiment im Echtbetrieb, mit viel Brimborium beworben und andernorts auch mit viel Misstrauen beäugt.

„Wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen wollen und die Verkehrswende gelingen soll, braucht es auch Mut zum Ausprobieren“, hat der Chef der städtischen Verkehrsbetriebe Üstra, Volkhardt Klöppner, im Vorfeld erklärt. „Dieser Tag hat unsere Erwartungen mehr als erfüllt“, sagt er jetzt. „Wir haben rund 60 Prozent mehr Fahrgäste transportiert.“ Die Menschen seien tatsächlich zum Umsteigen bereit.

Bei Familie Korsunsky aus dem Stadtteil Vahrenwald im Norden Hannovers trifft das jedenfalls zu. „Wir fahren meistens mit dem Auto in die Innenstadt.“ Jetzt genießen Eltern und die Kinder im Alter von fünf und dreieinhalb Jahren ihren Bus-Trip auf der Linie 200. „Das kennen die nicht so“, sagt die Mutter.

Als Umsteigerin outet sich auch Alina Helmke aus Hannover-Leinhausen. „Wenn ich shoppen will, fahre ich sonst immer mit dem Auto rein. Selbst mit Parkticket ist das für mich günstiger als mit der Bahn.“ Heute ist sie mit ihrem Freund in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.

Allein Gratis-Fahrten reichen aus Sicht der Verantwortlichen nicht, um autoverliebten Menschen Busse und Bahnen schmackhaft zu machen. „Nahverkehr ist nicht sexy, wenn Sie in vollen Fahrzeugen stehen müssen“, gibt GVH-Geschäftsführer Ulf Mattern zu. Um bis zu 50 Prozent haben die Mitgliedsunternehmen des Verbundes ihre Kapazitäten erhöht; die Üstra-Stadtbahnen fahren am Test-Tag nicht nur in kürzeren Takten, sondern auch mit längeren Zügen. „Am Morgen waren sie noch krass voll“, berichtet eine Studentin.

Zur Mittagszeit verteilt sich dann der Ansturm. „Ich habe mit mehr Gedränge gerechnet“, sagt eine junge Frau aus Laatzen, die mit ihrem 13-jährigen Neffen in die City zum Einkaufen gefahren ist.

Die Händler, die sonst gegen die Verteufelung der Autos wettern, sind mit im Boot. „Wir werten das als kompletten Erfolg“, freut sich Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft, über hohe Umsätze und entspannte Besucher. Bedingung für die Händler war allerdings, dass alle Parkhäuser im Zentrum – wenn auch mit kleinen Umwegen – erreichbar bleiben.

„So wenig Autos gibt es hier samstags sonst nicht“, freut sich eine Glühweintrinkerin am Zentralplatz Kröpcke. Üstra-Busfahrer Metin Dirim bestätigt den Eindruck. „Im Verhältnis zu normalen Samstagen herrscht heute extrem wenig Pkw-Verkehr.“ Sogar ausgesprochene Auto-Fans wie Hannovers FDP-Chef Patrick Döring, der sonst „aus reiner Bequemlichkeit“ fast immer mit dem Auto in seine Firma in der Innenstadt fährt, wagen sich in die Öffis: „Ich finde die Idee richtig. Das sollte man an allen vier Adventssamstagen machen.“

Kostenloser Nahverkehrstag kostet etwa 600 000 Euro

Auf 365 000 Euro taxiert Regions-Dezernent Ulf-Birger Franz die Einnahmeausfälle. Zusammen mit Marketing, Fahrgastbefragung und Absperrungen beliefen sich die Gesamtkosten auf über 600 000 Euro. 2500 zusätzliche Park-and-ride-Plätze unter anderem auf dem Messe-Gelände sind eingerichtet worden. In der City gibt es neben kostenlosen Fahrradtaxis mit Elektromotor einen Aufbewahr-Service für Gepäck sowie eine „Schaufenster-Rallye“ mit attraktiven Gewinnen. Fortsetzung folgt? Jetzt wolle man die Auswertung des Testlaufs abwarten, sagen die Beteiligten. „Daraus werden wir dann die Konsequenzen ziehen.“ 

Ähnliche Aktionen gibt es in Münster, Karlsruhe und Lingen. Dennoch sieht sich der GVH als bundesweiter Vorreiter. Erstmalig biete hier nämlich einer ganzer Verbund seine Verkehrsmittel kostenlos an. In drei Wochen wollen die Verkehrsbetriebe in Bochum und Gelsenkirchen dem Beispiel folgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.