Göttinger Studierende muckten auf

Land ist zu Kompromiss bereit: Der Diplomjurist darf bleiben

Machte Rückzieher: Ministerin Gabriele Heinen-Kljajic. 

Göttingen/Hannover. Nach der Wende galt der Begriff in der westlichen Fachwelt eher als Schimpfwort: Diplom-Juristen – so hießen die Absolventen eines rechtswissenschaftlichen Studiums in der DDR. Zum Richter oder Rechtsanwalt im vereinten Deutschland reichte der Titel nicht.

Das gilt auch für den heutigen Diplom-Juristen in der Bundesrepublik. Die Bezeichnung besagt, dass der Träger sein erstes Staatsexamen bestanden hat. Für die klassischen Juristen-Jobs in der Rechtspflege ist dagegen ein Referendariat mit zweiter Staatsprüfung zwingend erforderlich. Auch Wirtschaft und Verwaltung bestehen bei Einstellungen meist auf das zweite Examen.

Der Diplom-Jurist also ein Titel ohne großen Wert? Scheinbar nicht. Dessen – bereits zum Jahresbeginn 2016 erfolgte und zunächst von niemandem bemerkte – Abschaffung durch Niedersachsens Landesregierung hat jedenfalls bei den Studenten in den drei juristischen Fakultäten des Landes in Göttingen, Hannover und Osnabrück plötzlich großen Aufruhr ausgelöst.

Das bedeute große Wettbewerbsnachteile, denn alle anderen Bundesländer verliehen den Titel schließlich weiter, so die Kritik der Fachschaften.

Die schwarz-gelbe Opposition witterte ihre Chance und schloss sich dem Ruf nach Rettung des Diploms lautstark an. Jetzt macht Rot-Grün einen Rückzieher. Bis 2025 werde der Titel übergangsweise weiter verliehen, kündigte Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) im Landtag an.

Von einem heimlichen Handstreich der Ministerin, von der Zerstörung beruflicher Karrieren hatten zuvor Union und FDP gesprochen. „Wer fünf Jahre erfolgreich Jura studiert und das erste Staatsexamen besteht, darf sich nach Ihrer Vorstellung dann als Abiturient bewerben“, giftete CDU-Wissenschaftsexperte Jörg Hillmer. Heinen-Kljajic, selbst eine promovierte Politologin, verteidigte ihre Novelle zum Hochschulgesetz, die mit Blick auf Bachelor und Master das Ende der klassischen Diplome eingeläutet hatte. Hierzu hätten aber Juristen nie richtig gehört; im Übrigen sei für diese ein Diplom keineswegs einstellungsrelevant. „Sie tun so, als wäre es der Welten Untergang, wenn man sein Studium ohne Titel abschließt.“

Mediziner oder Pharmazeuten würde man doch auch nicht mit einem Diplom versehen. Weil die Abschaffung aber offensichtlich von den Jura-Studenten in Niedersachsen als ungerecht empfunden werde, halte sie einen vorübergehenden Kompromiss für vertretbar. Man werde das Hochschulgesetz in dem Punkt noch einmal nachbessern.

Von Peter Mlodoch

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