Atommüllendlager

Taktikspielchen der Länder um Endlagersuche: keiner will den Atommüll

Salzstock Gorleben – zunächst ruhen die Erkundungen zur Eignung als Atommüllendlager. Foto: Philipp Schulze/pda

Hannover – Droht der vor zwei Jahren mühselige beschlossene Kompromiss für die transparente Suche nach einem Atommüll-Endlager wegen regionalen Kirchturmdenkens zu kippen?

Der Präsident des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE), Wolfram König, hat die Bundesländer vor Alleingängen bei der Standortauswahl gewarnt.

Dadurch gerate der gesamte Prozess in Gefahr, was besonders für Niedersachsen fatale Folgen haben könnte, sagte der BfE-Chef in Hannover mit Blick auf den bayrischen Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern vom November 2018.

„Wir denken beim Schutz unserer Heimat über Generationen hinaus. Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist“, heißt es dort auf Seite 31 kategorisch. Im Süden der Republik gibt es große Granitschichten, die neben Salz und Ton als mögliches Wirtsgestein für die dauerhafte Lagerung von hochradioaktiven Abfällen gelten.

„Das Vorgehen Bayerns ist in keiner Weise hilfreich. Wenn es Schule macht, dass einzelne Länder Gesteinsformationen ausschließen, die bei ihnen selbst existieren, dann konterkariert es das gesamte Verfahren“, kritisierte König die Kampfansage aus München.

„Grundlage eines nachvollziehbaren und glaubwürdigen Standortauswahlverfahrens ist die ergebnisoffene Betrachtung aller drei Wirtsgesteine auf Basis der gesetzlich festgelegten fachlichen Kriterien.“

Im Blick hat der BfE-Präsident dabei allerdings auch den niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD), der mehr oder minder deutlich Kristallingestein, also Granit, den Vorzug gibt.

Dieses wiederum gibt es – im Gegensatz zu Salzstöcken – in Niedersachsen nicht. „Ich werde sehr darauf drängen, sich in Deutschland nicht auf Salz und Ton zu beschränken, sondern gerade die Suche nach Kristallingestein als Grundlage für eine Standortsuche ernst zu nehmen“, betonte Olaf Lies im Vorfeld seiner Ende Mai geplanten Reise zum weltweit ersten genehmigten Atommüll-Endlager auf der finnischen Insel Olkiluoto. Wirtsgestein dort ist: Granit.

„Niedersachsen hat besonders von dem Konsens zum Standortauswahlverfahren profitiert. Die Fokussierung auf Gorleben ist mit dem Erkundungsstopp beendet worden“, meinte König. Rolle man den Suchprozess von vorne auf, gerate auch wieder der dortige Salzstock als Endlager ins Visier.

Außerdem könnten dadurch wieder die gestoppten Castor-Transporte nach Gorleben und in die Zwischenlager an den noch aktiven Atomkraftwerken Grohnde und Lingen sowie an dem mittlerweile abgeschalteten Reaktor Unterweser aufleben, warnte der BfE-Präsident. „Das Land muss daher ein besonderes Interesse haben, mit allen anderen politisch Verantwortlichen auf die konsequente und zügige Umsetzung des vereinbarten Verfahrens zu drängen.“ ymp

Kommentar

Atomkraftgegner wussten es ja immer: Kein Politiker will in seinem Bundesland so wirklich ein Atommüllendlager. Die Bayern sind konsequent, zurren ihre – auch Wählerstimmen bringende – Ablehnung gar im Koalitionsvertrag fest, weil sie ja die Heimat schützen müssen. Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies wittert die Chance, nach Ende der Erkundung in Gorleben den strahlenden Müll außer Landes versenken zu können. Lies eröffnet auch wieder die Stein-Debatte. Für Lies hat der gefährliche AKW-Abfall nämlich nur etwas zwischen knallhartem Granit zu suchen. Deshalb fährt Lies nach Finnland, wo es das einzige Endlager gibt – in Granitgestein. Gorleben ist ein Salzstock, scheinbar ungeeignet also – zumindest aus der Sicht von Lies. Aber: Wenn es zu keinem klaren Ergebnis kommt, wo und wie das deutsche Endlager angelegt wird, dann könnte auch Gorleben wieder ins Müllbeseitigungsspiel kommen. Bis Mitte 2020 sollen die Regionen feststehen, wo der hoch radiaktive Müll vor sich hin strahlen könnte. Bis 2031 muss dann das Bundesamt für Entsorgungssicherheit den Ort präsentieren. Klingt nach viel Zeit, ist es aber nicht. Denn die Geplänkel werden zunehmen, weil keiner den Müll in seinem Land will, manche ja die Heimat schützen müssen. Und dann sind da noch die abgeschalteten Meiler, deren Verschrottung ansteht. Ein Riesenproblem. Die Anti-Atom-Kämpfer haben‘s ja gewusst. Thomas Kopietz

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