Landwirtschaftsministerin verabschiedet sich offenbar von den Plänen

Vorgesehenes Verbot des Schnabelkürzens bei Puten sorgt für Streit

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20 Wochen alter Puter: Um das Kürzen der Schnäbel gibt es einen politischen Streit. 

Hannover. Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) verabschiedet sich offenbar vom vorgesehenen Verbot des Schnabelkürzens bei Puten.

Der bisherige Erlass, wonach die Landkreise „Ausnahmegenehmigungen“ für das Kupieren nur noch bis Ende 2018 erteilen dürfen, werde überprüft, bestätigte das Ministerium auf Anfrage unserer Zeitung. Schon im Landtag hatte die Ministerin beiläufig eine Abkehr vom Zeitplan ihres Vorvorgängers Gert Lindemann (CDU) angekündigt. „Das Ziel des bisherigen Tierschutzplans, auf diese Maßnahme bis 2018 zu verzichten, wurde nicht erreicht“, erklärte Otte-Kinast während einer Fragestunde.

Kritik der Tierschützer

Das in den Putenbrütereien unmittelbar nach dem Schlüpfen praktizierte Abbrennen der Schnabelspitze soll Federpicken und Kannibalismus verhindern. In konventionellen Betrieben sind 100 Prozent der Tiere davon betroffen. Die Geflügelhalter sagen, der Eingriff betreffe nur die obere Schnabelspitze, die lediglich wie ein Fingernagel aus Horn bestehe. Dem widersprechen Tierschützer: Es handle sich um durchblutetes Gewebe, das 80 Prozent der sensorischen Rezeptoren des für Vögel wichtigsten Tastorgans enthalte. Das Kupieren sei extrem schmerzhaft, es bleibe wie bei anderen Amputationen ein Phantomschmerz.

Otte-Kinast bezeichnet den Verzicht darauf als „größte Herausforderung“ beim Tierschutz für Geflügel. Doch während das Kupier-Aus bei Legehennen immer weiter und nicht zuletzt mithilfe des Handels umgesetzt wird, sträuben sich die Putenmäster aus wirtschaftlichen Erwägungen. Nur das Schnabelkürzen könne Picken und Kannibalismus verhindern. Mehr Beschäftigung mit Pickblöcken, Heu oder Futterautomaten reiche nicht aus, um diese Verhaltensstörung wirksam zu stoppen. „Die aktuelle Putenhaltung ist eine der schlimmsten Formen der Massentierhaltung“, kritisiert Grünen-Fraktionsvizechefin Miriam Staudte die Abkehr vom Verzicht: „Während CDU und SPD mantraartig betonen, dass der Tierschutz weiterentwickelt werden soll, kippt Otte-Kinast kurzerhand das Verbot des Schnabelkürzens bei Puten.“

Studien würden längst belegen, dass eine Haltung ohne Schnabelkürzung mit besseren Bedingungen möglich sei, sagt die Grünen-Abgeordnete. „Es bestätigt sich aber, dass Otte-Kinast alles ablehnt, was die Massentierhaltung infrage stellt.“

Niedersachsen ist mit einem Bestand von 5,2 Millionen Truthühnern in 400 Betrieben eines der größten Erzeugerländer von Putenfleisch. Bundesweit gibt es 12,4 Millionen Tiere in rund 1800 Betrieben.

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