Hitlers jüngste Häftlinge in Bad Sachsa

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Die beiden Brüder Heimeran (links) und Berthold Schenk Graf von Stauffenberg (rechts) beim Rundgang durch die Ausstellung in Bad Sachsa.

Bad Sachsa. Eine Dauerausstellung in Bad Sachsa erinnert an Hitlers jüngste Häftlinge: Verschleppte Kinder von Widerstandskämpfern.

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert in Bad Sachsa eine neue Dauerausstellung an Hitlers jüngste Häftlinge: die Kinder der Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944.

Das NS-Terrorregime hatte nach dem Attentat nicht nur die Verschwörer ermordet, sondern auch ihre Familienangehörigen in Sippenhaft genommen. Während die Ehefrauen und ältesten Kinder der Widerstandskämpfer in Strafanstalten und Konzentrationslager kamen, internierte die Gestapo die jüngeren Kinder in dem Kinderheim „Bremen“ im Borntal am Rande von Bad Sachsa.

46 Kinder im Borntal

46 Kinder und Jugendliche, unter ihnen auch Säuglinge, lebten dort monatelang unter strenger Bewachung abgeschottet von der Außenwelt. „Ich dachte, wir kommen in ein Internat“, erinnerte sich der 87-jährige Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. Neben ihm waren mehrere weitere „Kinder des 20. Juli“ zur Ausstellungseröffnung gekommen, unter ihnen auch zwei Söhne von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Perfides Ziel der Nazis

Mit der streng geheim gehaltenen Internierung verfolgten die Nazis ein perfides Ziel: Die Kinder der Widerstandskämpfer sollten ihrer Identität beraubt werden. Alle Kinder erhielten bei ihrer Ankunft neue Vor- und Nachnamen, ihre wahren Namen durften sie nicht nennen. Die Stauf-fenberg-Kinder mussten den Namen Meister tragen.

Allerdings bekamen die heimwehgeplagten Kinder schnell heraus, mit wem sie interniert waren. Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld, der als 15-Jähriger mit seinem zwölfjährigen Bruder Christoph nach Bad Sachsa verschleppt worden war, erzählte, wie gewitzt dieser das Verbot umging: Sein Bruder habe seine alte Lederhose getragen, auf deren Innenseite sein Name stand. Er habe den anderen dann die Aufschrift in der Lederhose mit der Bemerkung gezeigt, dass er zwar nicht sagen dürfe, wer er sei, aber sie könnten ja lesen.

Zurück in die Familien

Ursprünglich hatte das Regime geplant, die jüngeren Kinder von SS-Familien adoptieren zu lassen und die älteren in NS-Erziehungsanstalten unterzubringen. Später änderte die NS-Führung ihre Politik. Als die ersten Mütter aus der „Sippenhaft“ entlassen wurden, konnten einige Kinder im Oktober 1944 zu ihren Familien zurückkehren.

18 mussten bleiben

18 Kinder mussten bleiben. Im Februar 1945 seien sogar noch weitere hinzugekommen, sagte der Direktor der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Professor Johannes Tuchel. „Man wollte diese Kinder nicht aus den Klauen lassen.“

Stattdessen wollte man Ostern 1945 die noch verbliebenen 18 Kinder ins Kon-zentrationslager Buchenwald deportieren. Ein Lkw der Wehr-macht sollte sie am 3. April 1945 zum Bahnhof nach Nordhausen bringen. Kurz vor Nordhausen gab es Fliegeralarm, in dem folgenden Bombenhagel wurden der Bahnhof und ein Großteil der Stadt völlig zerstört. Da keine Weiterfahrt möglich war, wurden die Kinder zurück nach Bad Sachsa gebracht.

Rettung durch Amerikaner

Neun Tage später besetzten amerikanische Truppen den Ort. Anfang Mai setzte die Militärverwaltung den Sozialdemokraten Willy Müller als Bürgermeister ein.

Noch am selben Tag suchte er die Kinder im Heim auf und stellte sie unter seinen persönlichen Schutz. Sie erhielten ihre echten Namen zurück und wurden offiziell angemeldet.

Ihre Leidenszeit war damit jedoch noch nicht vorbei: Als Folge der Kriegs- und Nachkriegswirren dauerte es teilweise mehrere Monate, bis sie zu ihren Angehörigen zurückkehren konnten.

Hintergrund

Die Ausstellung, die mehr als 300 Fotos und Dokumente zeigt, wurde von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Stiftung 20. Juli 1944 in Zusammenarbeit mit der Stadt Bad Sachsa konzipiert. Deren Bürgermeister Axel Hartmann hatte nach seinem Amtsantritt Anfang 2015 Kontakt zur Gedenkstätte aufgenommen, um das Projekt realisieren zu können. Die von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit 80.000 Euro unterstützte Ausstellung trägt den Titel „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“.

Die Ausstellung, zu der auch ein ausführlicher Begleitband erschienen ist, ist in der ersten Etage der Tourist-Information, Am Kurpark 6, 37441 Bad Sachsa, werktags von 9 bis 17 Uhr, kostenlos zu besichtige. 

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