Göttinger Standort ist im Aufwind

Hochschul-Chef Dr. Marc Hudy: „Wir wollen Ideenschmiede sein“

+
Möchte den Standort Göttingen weiterentwickeln: Kanzler Dr. Marc Hudy nimmt die Aufgaben des Präsidenten der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hochschule wahr. In Göttingen hat die Hochschule derzeit etwa 1600 Studierende.

Göttingen. Seit Anfang des Jahres nimmt Kanzler Dr. Marc Hudy die Aufgaben des Präsidenten der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst wahr. 

Hudy sieht den Göttinger Standort der Hochschule im Aufwind.

Seit Januar müssen Sie zwei Jobs erledigen – Sie sind Hochschul-Kanzler und gleichzeitig als Präsident mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt. Wie schaffen Sie das?

Dr. Marc Hudy: Die ersten drei Monate waren eine Riesenaufgabe - zumal von Januar bis März auch die Jahresempfänge der Netzwerkpartner stattfinden. Das sind fast 30 Termine, die ich wahrnehmen wollte. Wir mussten schließlich aus zwei Kalendern einen machen. Doch die Phase, in der der Kalender mich beherrscht hat, ist jetzt vorbei. Die Arbeit macht mir Freude, weil die anderen Mitglieder der Hochschulleitung mitziehen und wir die Aufgaben im Präsidium, aber auch in den Fakultäten und Abteilungen durchaus neu sortieren. Das entlastet kräftig.

Was soll 2017 passieren?

Hudy: Im vergangenen Jahr haben die Vorgänge um das Seminar in Hildesheim vieles überdeckt. Trotzdem wurden hervorragende Lehre und Forschung geleistet. In diesem Jahr wollen wir uns wieder auf unsere eigentlichen Aufgaben besinnen. Es hat sich gezeigt, dass unsere Hochschule ein in sich gefestigter Apparat ist. Denn es wurden natürlich trotz des Wirbels Klausuren geschrieben, Absolventen verabschiedet und Forschungsergebnisse präsentiert. Das soll in diesem Jahr wieder mehr sichtbar werden.

Auslöser für die Affäre um das Seminar waren Mängel bei der Qualitätssicherung für Lehrbeauftragte. Wie soll das künftig verhindert werden?

Hudy: Es gibt die Projektgruppe zur Qualitätssicherung der Lehre, die der Senat angeregt und das Ministerium befürwortet hat. Von dort kommt auch Unterstützung durch Experten sowie durch Know-how. Das erste von drei Arbeitspaketen ist mit der Aufarbeitung des Gutachtens so gut wie abgeschlossen.

Was heißt das konkret?

Hudy: Wir haben genau analysiert, warum nicht früher eingeschritten wurde. Es gab Erkenntnisse, dass das Seminar erhebliche Mängel hatte. Aber es wurden keine Konsequenzen gezogen. Wir werden unsere Schlüsse aus den Vorkommnissen natürlich auch öffentlich vorstellen.

Was folgt im zweiten Block der Aufarbeitung?

Hudy: Wir wollen nun genaue Regelungen für die Qualifikation und Begleitung von Lehrbeauftragten aufstellen. Außerdem wird zukünftig sichergestellt, dass mit den Bewertungen der Lehrveranstaltungen besser umgegangen wird.

Was ist der letzte Part des Aufarbeitungsprozesses?

Hudy: Dabei geht es um die Zukunft der Hochschule: Bislang schalten wir externe Partner ein, um Studiengänge zu akkreditieren. Die Idee ist, dass die Hochschule dies im Rahmen der sogenannten Systemakkreditierung einst selbst übernehmen kann. Dazu müssen wir aber erst die Voraussetzungen schaffen.

Der Standort Göttingen der HAWK hat de facto drei Fakultäten – so wie in Hildesheim. Was bedeutet das für die Organisation der Hochschule?

Hudy: Es sind zwei Fakultäten. Der Gesundheitscampus, den wir in Kooperation mit der Universitätsmedizin entwickeln, ist organisatorisch an der Fakultät Naturwissenschaften und Technik angesiedelt. Zudem gibt es weiterhin die Fakultät Ressourcenmanagement am Nordcampus. Wir haben für den Gesundheitscampus ein gemeinsames Leitungsgremium mit acht Personen gebildet, in dem beide Seiten paritätisch vertreten sind. Dort werden die Entscheidungen vorbereitet. Die eigentlichen Beschlüsse müssen der Vorstand der Universitätsmedizin Göttingen, das Präsidium der HAWK und das Dekanat der Fakultät Naturwissenschaften und Technik treffen.

Wie läuft die Zusammenarbeit am Gesundheitscampus mit dem Partner UMG?

Hudy: Die Zusammenarbeit läuft prima. Jeder schaut, was der andere braucht. Ein Projekt wie dieses, bei dem eine Fachhochschule mit einer Universitätsmedizin gemeinsam Studiengänge anbietet, ist bislang einzigartig in Deutschland. Darauf sind wir stolz. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die UMG eine solche Kooperation eingeht und das Land sie finanziert.

Bleibt der Gesundheitscampus in der Nordstadt auf dem alten Sartorius-Gelände?

Hudy: Wir verhandeln darüber. Der Studiengang Medizin-Ingenieurwesen wird zum größten Teil an der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik gelehrt, nur ein kleiner Teil auf dem Gesundheitscampus und bei der UMG. Die beiden anderen Studiengänge sind derzeit auf dem Sartorius-Gelände untergebracht. Unser Raumbedarf wird in den nächsten Jahren deutlich steigen, um weitere 2800 Quadratmeter. Wir wünschen uns auf jeden Fall einen Standort in der Nähe der UMG.

Welche räumlichen Pläne gibt es für die Fakultäten Ressourcenmanagement sowie Naturwissenschaften und Technik?

Hudy: Die Fakultät Ressourcenmanagement hat erheblichen Raumbedarf, da sie deutlich gewachsen ist. Es gibt deshalb Pläne, am Nordcampus ein neues Hörsaalgebäude mit einem großen Saal sowie Seminar- und Studienräumen zu bauen. Die Finanzierung ist bereits gesichert. Der Baubeginn steht aber noch nicht fest. Bei der Fakultät Naturwissenschaften und Technik gibt es Überlegungen, einen Forschungsneubau neben dem vorhandenen Fraunhofer-Anwendungszentrum zu errichten. Auch dieser Bau soll einen großen Hörsaal bekommen. Wir warten auf die Bewilligung des Projekts durch die Europäische Union. Danach wird schnell der Baubeginn erfolgen, vielleicht noch in diesem Jahr. Außerdem müssen auf den Zietenterrassen Räume für den Studiengang Medizin-Ingenieurwesen entstehen.

Wo sehen Sie die HAWK in Göttingen und ihre Fakultäten in zehn Jahren?

Hudy: Der Gesundheitscampus führt in den kommenden Jahren zu einem schwungvollen Anstieg der Studierendenzahlen in diesem Bereich, von derzeit 60 auf insgesamt 600. Außerdem wächst die Fakultät Ressourcenmanagement durch die beiden Masterstudiengänge „Urbanes Baum- und Waldmanagement“ sowie „Wirtschaftsingenieurwesen“ im Endausbau um etwa 150 Studierende. Aktuell haben wir rund 1600 Studierende in Göttingen. In fünf Jahren werden es insgesamt etwa 2300 sein. Das wird auch in zehn Jahren die Größenordnung bleiben.

Welche Forschungsergebnisse von den Göttinger HAWK-Fakultäten kann man bis dahin erwarten?

Hudy: Die Zahl der Forschungsprojekte und Innovationen wird in den kommenden Jahren noch weiter steigen. Meine Vorstellung ist, dass die HAWK noch stärker zur Ideenschmiede für die Region Südniedersachsen wird. Toll wäre, wenn alle Unternehmen, die Lösungen auf dem Gebiet der Ingenieurwissenschaften, der Umwelt oder des Regionalmanagements brauchen, bei uns anfragen. Dann wären wir das Zentrum für praktische wissenschaftliche Lösungen in der Region.

Was können andere tun, damit sich die HAWK am Standort Göttingen besser entwickelt?

Hudy: Es müssen nur alle so weitermachen, wie bisher. Wir haben eine super Unterstützung von Unternehmen, der Landesregierung und der lokalen Politik vor Ort.

Wie geht es an der Führungsspitze der HAWK weiter?

Hudy:Der Senat ist Herr des Verfahrens und entscheidet über den Zeitplan für die Präsidentenwahl. Das Gremium wurde gerade neu gewählt und trifft sich im April zum ersten Mal.

Von Bernd Schlegel

Zur Person

Dr. Marc Hudy, Jahrgang 1968, ist seit 2007 Hauptberuflicher Vizepräsident der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Seit Jahresbeginn ist er als Präsident mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt. Hudy studierte in Hannover Jura und spezialisierte sich auf später auf Forschung im Bereich der Jugendkriminalität. Weitere Stationen führten ihn unter anderem als Wissenschaftlichen Referenten in den Landtag nach Hannover, als Dezernenten zur Bezirksregierung Hannover und als Amtsleiter zum Landkreis Schaumburg. Hudy ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Hannover. In seiner Freizeit segelt er gern. 

Hochschule besteht seit dem Jahr 1971 – seit 1974 in Göttingen

Die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst wurde 1971 als Fachhochschule Hildesheim gegründet und schon kurz darauf in Fachhochschule Hildesheim/Holzminden umbenannt.

Hervorgegangen ist sie laut Online-Lexikon Wikipedia zum einen aus der im Jahr 1900 gegründeten Königlichen Baugewerkschule Hildesheim und der Herzöglichen Baugewerkschule zu Holzminden (gegründet 1831). Die zweite Traditionslinie am Standort Hildesheim geht auf die städtische Höhere Töchterschule (1858) und die am staatlichen Goethegymnasium Hildesheim 1909 gegründete einjährige Frauenschule zurück. 1969 entstand die Höhere Fachschule für Sozialpädagogik und daraus 1971 der Fachbereich Sozialpädagogik der neugegründeten Fachhochschule. 1974 wurde in Göttingen ein weiterer Standort eröffnet. Dort sind die Fakultäten Naturwissenschaften und Technik (zurzeit 750 Studierende mit Gesundheitscampus) sowie Ressourcenmanagement (zurzeit 860 Studierende) angesiedelt.

Die Hochschule heißt seit dem Jahr 2000 Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen und tritt seit 2003 mit dem Namenszusatz HAWK – Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst an die Öffentlichkeit.

Im Juli 2016 gewann die HAWK als einzige niedersächsische Hochschule aus zehn Fachhochschulen der letzten Runde den vom Bundesforschungsministerium veranstalteten Wettbewerb „Starke Fachhochschulen – Impuls für die Region“ mit dem Projekt „Plasmatechnologien aus Südniedersachsen“. Bis zum Jahr 2020 fördert das Bundesministerium das Projekt mit 6,5 Millionen Euro.

www.hawk-hhg.de

Antisemitismus: Wirbel um Seminar in Hildesheim

An der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst sorgte 2016 das Seminar „Die soziale Lage der Jugendlichen in Palästina“ am Standort Hildesheim für Wirbel. Antisemitismus-Vorwürfe waren nach Ansicht einer Gutachterin berechtigt.

Das Seminar an der Fakultät Soziale Arbeit sei wissenschaftlich mangelhaft gewesen und habe auf israelfeindlichen und antisemitischen Materialien basiert, heißt es in der Expertise. „Schon ein Blick auf die hochschulöffentlichen Seminarpläne hätte genügt, um die Wissenschaftlichkeit der Veranstaltung ernsthaft in Zweifel zu ziehen“, sagte die Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Stefanie Schüler-Springorum, bei Vorstellung der Expertise in Hannover.

Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Bündnis 90/Die Grünen) hatte das Gutachten in Auftrag gegeben, nachdem das Seminar massive Kritik ausgelöst hatte. Die Lehrveranstaltung, die seit 2006 an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit in Hildesheim angeboten wurde, war erst im August vergangenen Jahres gestrichen worden, nachdem die Kritik immer lauter wurde.

Das Seminar habe auf einem Potpourri an Materialien basiert, sagte die Gutachterin. Vieles davon sei israelkritisch bis israelfeindlich. Einige Texte hätten mit antisemitischen Klischees gearbeitet.

Empfehlung zurückgezogen

Wegen der Querelen um das Seminar hatte der Hochschulsenat im November vergangenen Jahres die Empfehlung für eine zweite Amtszeit der damaligen Präsidentin Prof. Dr. Christiane Dienel zurückgezogen. Sie schied Ende 2016 nach Ablauf ihrer Amtszeit aus. (bsc/dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.