Initiative: Nobelpreisträger Otto Hahn soll Ehrenbürgerwürde verlieren

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Im Gespräch: Die Aufnahme aus dem Jahr 1962 zeigt Otto Hahn mit der österreichisch-schwedische Physikerin Lise Meitner bei der Nobelpreisträgertagung in Lindau.

Göttingen. Die Initiative „Bündnis Anti-Kriegsforschung“ fordert die Aberkennung der Göttinger Ehrenbürgerschaft für Otto Hahn. Der Nobelpreis sei die rechte Hand von Fritz Haber gewesen, der Giftgas entwickelt habe. Für den emeritierten Physik-Professor Dr. Hubert Goenner ist die Forderung maßlos überzogen.

Das „Bündnis gegen Anti-Kriegsforschung“ fährt harte Geschütze gegen den Nobelpreisträger Hahn, der 1879 in Frankfurt am Main geboren wurde und 1968 in Göttingen starb. Er erhielt 1944 den Nobelpreis für Chemie.

Otto Hahn habe mit Haber Gifte wie Phosgen, Perstoff und Zyklon A entwickelt, so die Initiative. Er habe eigenhändig hunderte Chlorgas-Granaten befüllt. „Er war Repräsentant des Gasregiments in Konferenzen und im Großen Hauptquartier. Er organisierte den allerersten und zahlreiche weitere deutsche Gasangriffe und stürmte auch schon mal in vorderster Reihe mit angelegter Gasmaske gegen den Feind“, so die Kritik.

Professor Hubert Goenner räumt ein, dass sich Otto Hahn an der Entwicklung beteiligt habe. Aber Hahn habe sich davon abgewandt und sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Friedenspolitik gewidmet.

„Der Rat der Stadt Göttingen wird nicht so unklug sein, sich mit der ungerechtfertigten Forderung nach Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Otto Hahns zu befassen. Diese Forderung ist maßlos überzogen, sagt Professor Dr. Goenner.

Dass Otto Hahn im Ersten Weltkrieg auf Anforderung von Fritz Haber in die Spezialtruppe für Gaskriegsforschung am Kaiser-Wilhelm Institut für Chemie in Berlin eingezogen wurde und dort wie andere bekannte Physiker, dazu gehören die Nobelpreisträger James Franck und Gustav Hertz, und Chemiker, wie die Nobelpreisträger Erwin Fischer und Richard Willstätter, an der Entwicklung, dem Einsatz und der Abwehr von Gaswaffen beteiligt war, ist laut Goenner allbekannt. „Auch dass er die richtigen Folgen aus dieser Tätigkeit gezogen hat, nämlich dass er angesichts des von ihnen verursachten Leidens, die Unsinnigkeit des Krieges erkannte“, schreibt Goenner.

In seinem späteren Leben war Hahn Pazifist, Kämpfer für Völkerverständigung und Entspannung während des kalten Krieges. Seine Reise nach Israel 1959 trug wesentlich zur Verbesserung der Beziehungen nach dem Holocaust bei, erinnert der Wissenschaftler.

Kritik an Initiative 

Die Göttinger Anti-Atom-Bewegung scheint sich gegenwärtig hauptsächlich gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie zu wenden, so die Einschätzung des Professors. „Würde sie sich an die viel schrecklichere Bedrohung durch die Atomwaffen erinnern, so wäre ihr Otto Hahn, Mitunterzeichner der Erklärung der Göttinger Achtzehn gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, ein überzeugender Bundesgenosse.“ (bsc)

Mahnwache der Anti-Atom-Initiative am Gänseliesel

Eine Mahnwache der Anti-Atom-Initiative Göttingen , bei der auch auf das Wirken Otto Hahns eingegangen wird, beginnt am Montag, 4. August, um 18 Uhr am Gänseliesel.

Die Göttinger Initiative „Bündnis Anti-Kriegsforschung“ wird von der Anti-Atom-Initiative Göttingen, dem AntiAtomPlenum Göttingen, der Anti-Kriegs-Komitee, der Antimilitaristische Perspektive Göttingen, dem Antirassistischen Aktionsplenum Göttingen, der Initiativgruppe Umweltgewerkschaft Göttingen, Schöner Leben Göttingen, Schüler*innenbündnis Göttingen sowie Schule ohne Bundeswehr Göttingen unterstützt.

Die Gruppe kritisiert, dass Hahn bis ins hohe Alter die Illusion einer strikten Trennbarkeit von Grundlagenforschung, „zivilem“ Nutzen und militärischer Ausnutzung seiner Entdeckungen gehabt habe. Deshalb soll ihm die Ehrenbürgerschaft aberkannt werden und die Otto-Hahn-Straße sowie das Otto-Hahn-Gymnasiums umbenannt werden. Außerdem soll Hahn als Kriegsverbrecher anerkannt werden, so die jetzt veröffentlichten Forderungen (bsc)

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