Katja Riemann über ihr Musik-Literatur-Projekt im Deutschen Theater

Katja Riemann
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Katja Riemann

Göttingen. Katja Riemann ist unbestritten eine herausragende Schauspielerin. Am Samstag kommt sie zum Theaterfestival im Rahmen des Kultursommers der Stadt nach Göttingen, ins Deutsche Theater, zusammen mit Arne Jansen und dem Literatur-Musik-Projekt „Winter. Ein Roadmovie.“ Wir sprachen mit ihr.

Frau Riemann, Stichwort, Deutsches Theater Göttingen, haben Sie zu diesem Haus eine persönliche Beziehung?

Katja Riemann: Ich habe insofern eine Beziehung, weil der Vater meiner Tochter, Peter Sattmann, dort seine Theaterkarriere begann und mir viel von der intensiven Zeit, als er dort spielte, berichtete. Und ich stamme auch aus Niedersachsen.

Wie ist es zu dem Projekt und der Zusammenarbeit mit Arne Jansen gekommen?

Riemann: Arne und ich arbeiten schon zehn Jahre zusammen. Zuerst war er Gitarrist in meiner Jazzband und dann haben wir vor einigen Jahren, unseren ersten Duo-Abend gemacht. Da habe ich ein Konzept entworfen, in dem ich Texte von Sibylle Berg mit der Musik von Rammstein kombinierte, auch dort war das Thema Deutschland. Und dieser Abend „Winter. Ein Roadmovie“ ist die Fortsetzung von einem Genre, das wir für uns erkunden. Das Schöne ist ja, dass man heutzutage nicht mehr in der Eindeutigkeit des Genres arbeiten muss. Die Grenze zwischen Musik, Literatur, Gesang, Darstellung und Film verwischt und wird zu einem – na, Ding –, zu einem Ganzen, zu einem Abend.

Es klingt nach einem schwermütigen Stoff, täuscht der Eindruck, oder werden auch positive Zeichen gesetzt?

Riemann: Nee, es ist kein schwermütiger Abend. Wir beschäftigen uns mit so vielen Inhalten, dass wir damit heiter umgehen, sonst kriegt man ja Angst. Wir möchten eine neue Sicht auf Altbekanntes werfen, wobei ja jeder das „Wintermärchen“ vermeintlich kennt, aber letztlich doch nicht. Dass ich in meinem Konzept Heines Wintermärchen mit der Winterreise von Schubert versuchte zu einem thematischen Abend zu gestalten, war mir Herausforderung, im Sinne des Spannungverhältnisses zwischen politischer Betrachtung, erzählt von einem jüdischen Schriftsteller im Exil und der sehnsüchtigen Schwermut, gar Todessehnsucht. Innerhalb dieses Spannungsbogens trifft man auf deutsche Mentalität, insofern wird man sehen, wie weit der Abend die Menschen angeht, oder besser: sie berührt. Und positive Zeichen, wie Sie sagen, entdecken lässt.

Heine war ja ein Europa-Visionär...

Riemann: Ja, Heine träumte von einem vereinten, freien Europa. Wir haben heute die Chance das zu leben und zu verbessern. Und mit Hilfe Schuberts und der Lyrik von Müller fallen wir immer wieder in den See des Unbewussten, dessen, was nicht gezwungen werden kann – dieses Leben, von dem ja keiner weiß, wie es geht. Okay, das hört sich nicht so lustig an, ist es aber manchmal dennoch.

Worin bestehen die Botschaften für das Europa von heute – was kann der Zuhörer mitnehmen?

Riemann: Der Zuschauer kann sich auf einen unterhaltsamen Abend freuen, der eine Melange aus Literatur, Musik, theatralen und filmischen Mitteln ist, der sich mit dem Thema Deutschland beschäftigt. Und man mag sich unter Umständen wundern über prophetische Gedanken Heines, respektive darüber, dass viele Passagen erstaunliche Aktualität haben; Themen, die noch immer vorhanden sind oder gar brennen. Sowohl politisch als auch emotional. Und ich würde mich von Herzen freuen, wenn es uns gelänge den unverwechselbaren Humor Heines rüber zu bringen: Es darf gelacht werden. Auf der anderen Seite versuchen wir uns mit dem Roadmovie dem Genie Schuberts anzunähern, voller Respekt versteht sich, aber sicher auch mit modernen Klängen.

Was bedeutet Ihnen in das Bühnenprojekt? Ist es Freiraum, Abwechslung oder gar Horizonterweiterung?

Riemann: Ich bin ja selbst Schuld. Ich muss ja nicht so einen Abend machen. Aber es ist vielleicht das, was ich mache, wenn ich allein was mache, ohne dazu engagiert zu werden. Es ist mein oder ein künstlerischer Ausdruck, der in die Welt gesetzt wird, damit ich ihn betrachten kann, wie er wäre, wenn es ihn gäbe. Dazu muss man ihn vorher machen, damit man was sehen kann. Nicht nur ich, sondern auch Sie. Horizonterweiterung ist immer gut. Sich mit etwas zu beschäftigen, was nicht Konsum ist, sondern schöpferisch – das bereichert, persönlich und weltlich.

An welchen TV- und Filmprojekten arbeiten Sie zur Zeit?

Riemann: Ich bin in Vorbereitung zu einem Fernsehspiel, das Züli Aladag inszenieren wird, in dem wir uns mit Steuerhinterziehung a la Zumwinkel beschäftigen. Danach freue ich mich auf ein paar Drehtage zu einem Spielfilmprojekt von meinem Freund Marco Kreuzpaintner. Eigentlich war ein Film von Margarethe von Trotta geplant, den sie für Barbara Sukowa und mich geschrieben hat, aber es hapert mit der Finanzierung, und wir mussten verschieben. Diese Filmemacherei ist wirklich immer ein Drahtseilakt.

Von Thomas Kopietz

Zur Person

Katja Riemann wurde am 1. November 1963 in Kirchweyhe bei Bremen geboren, wo wie auch aufwuchs. Sie studierte Tanzpädagogik in Hamburg und besuchte die Hochschule für Musik und Theater Hannover und von 1986 bis 1987 die Otto-Falckenberg-Schule in München. Vor Ende ihrer Ausbildung kam sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Musikalisch steht sie seit vielen Jahren auf Bühne, singt auch Pop, Swing und Jazz. Riemann engagiert sich für die Menschenrechte und im Kampf gegen Kinderarmut, Kinderhandel und die Beschneidung junger Mädchen in Afrika. ‘ Dem Kino- und TV-Zuschauer wurde sie Anfang der 90er-Jahre auch bekannt durch Tatort-Gastspiele und Rollen in „Der Bewegte Mann“ und „Abgeschminkt“. Katja Riemann hat eine Tochter, Paula, mit dem Schauspieler Peter Sattmann, von dem sie sich 1998 trennte. (tko)

Noch Karten!

Für „Winter. Ein Roadmovie“ am Samstag, 31. August, um 19 Uhr im DT mit Katja Riemann und Arne Jansen gibt es noch Karten. Ebenso für „Miles oder die Pendeluhr aus Montreux“ am Sonntag, 1. September, 20 Uhr. Karten kosten an der DT-Theatrkasse 20, 17, 14 und acht Euro, Ermäßigung jeweils drei Euro.

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