Interview: Michael Frömming vom Verkehrsverbund Südniedersachsen

Busverkehr in den Landkreisen Göttingen und Northeim: Darum kümmert sich der Zweckverband Verkehrsverbund Südniedersachsen. Foto: Schlegel

Göttingen. Michael Frömming steht neu an der Spitze des Zweckverbands Verkehrsverbund Südniedersachsen (ZVSN) und will den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in der Region fördern.

Wo läuft der Busverkehr in der Region richtig gut, wo gibt es Defizite? 

Michael Frömming: Genau das will ich in den kommenden Wochen und Monaten im wahrsten Sinne des Wortes erfahren auf meinen dienstlichen und privaten Wegen. Ich besitze selbst kein Auto, bin aber Dank Car-Sharing oder Mietwagen immer mobil.

Wie wollen sie ganz praktisch die Region erfahren? 

Frömming: Ich habe mir kürzlich eine BahnCard 100 zugelegt, die eine fast grenzenlose Mobilität ermöglicht. Die will ich so viel wie möglich einsetzen. Dabei werde ich sicherlich die Stärken und Schwächen des Nahverkehrs in der Region erleben. Über neue Angebote entscheidet jedoch die Politik - in der Verbandsversammlung des Zweckverbandes.

Welche Ideen haben Sie für den Nahverkehr in Südniedersachsen? 

Frömming: Zunächst muss ich eine Bestandsaufnahme über die Angebote machen, die es bereits gibt. Ein Thema wird sicherlich der zukünftige Verbundtarif sein. Das war ja auch bereits Thema im Kommunalwahlkampf. Dabei wird es unter anderem um die Ticket-Preise gehen, denn Fahrten sind in Südniedersachsen im Vergleich zu anderen Regionen ziemlich teuer.

Was muss in Südniedersachsen anders werden? 

Frömming: Ziel meiner Arbeit soll es sein, dass die Bevölkerung die teilweise schon bestehenden Möglichkeiten des Nahverkehrs noch besser wahrnimmt. Ich möchte erreichen, dass Nutzer mehr als bisher Bahnen und Busse als Alternative zur Fahrt mit dem Pkw ansehen.

Sollte das Modell Bürgerbus zwischen Göttinger Kaufpark und Dransfeld auf weitere Regionen ausgedehnt werden? 

Frömming: Ein Bürgerbus ist prinzipiell eine gute Sache, sollte aber nur Ergänzung zu bestehenden ÖPNV-Angeboten darstellen. Es sollte nicht dazu führen, dass bestehende Busangebote gefährdet werden, weil der Bürgerbus für die Kommunen billiger ist.

Der Schienenpersonennahverkehr hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Was sollte sich aus Ihrer Sicht in diesem Bereich tun? 

Frömming: Der Zweckverband Verkehrsverbund Südniedersachse bestellt den Schienenverkehr nicht. Das macht die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) in Hannover. Ziel muss es jedoch sein, dass Bus- und Bahnverkehr noch besser miteinander verzahnt werden, damit die Fahrgäste sofort und verlässlich Anschluss haben.

Was halten Sie von einer Wiedereröffnung des Bahn-Haltepunkts Rosdorf? 

Frömming: Das könnte prinzipiell neue Möglichkeiten bei der Vernetzung von Bahn, Bus und Individualverkehr ermöglichen. Zuständig ist das Land und die kommunale Politik muss letztlich entscheiden, ob sie das Projekt unterstützt.

Das Bundesverkehrsministerium will die Papierfahrscheine abschaffen und Apps sowie digitale Tickets einführen. Wie sieht der ZVSN die Entwicklung? 

Frömming: Eine Abschaffung wäre aus Sicht der öffentlichen Hand zunächst natürlich wünschenswert, weil die Kosten gesenkt werden könnten. Problematisch ist das Projekt mit Blick auf Bevölkerungsgruppen, denen ein solcher Zugang zum Ticket nicht vertraut ist oder die den Zugang zu digitalen Medien nicht wollen.

Sie haben gesagt, dass Sie den Nahverkehr im Spannungsfeld zwischen den finanziellen Möglichkeiten und den umweltpolitischen Ansprüchen sehen. Was ist damit gemeint? 

Frömming: Wir haben in den kommenden Jahren weiterhin einen begrenzten finanziellen Spielraum für den Nahverkehr, der dabei in Konkurrenz zu anderen Politikfeldern steht. Gleichzeitig soll und muss mit Blick auf die Klimabelastungen der Schadstoffausstoß durch den Straßenverkehr gesenkt werden. Für mehr Angebote im Öffentlichen Personennahverkehr ist zwar Geld da, aber nicht so viel, um alle Ziele umsetzen zu können.

Welche Rolle sollten zukünftig Fahrräder, E-Bikes und Elektroautos spielen? 

Frömming: Das steht für mich unter dem Oberbegriff „Vernetzte Mobilität“. Jedes Verkehrsmittel hat seine Rolle. Ziel sollte es sein, Alternativen zum Individualverkehr mit dem Auto zu stärken - beispielsweise durch den Ausbau des ÖPNV, des Rad- und Fußverkehrs. Ladestationen für E-Bikes an Verkehrsstationen wären hier eine sinnvolle Ergänzung.

Viele Ziele sind in Südniedersachsen derzeit nur schlecht mit dem Nahverkehr zu erreichen. Welche Alternativen stehen zur Verfügung? 

Frömming: Ich möchte für das Car Sharing-Modell als Ergänzung zum ÖPNV werben. Dabei besitzt der Kunde kein eigenes Auto, sondern mietet sich stunden- oder tageweise einen fahrbaren Untersatz, wenn er benötigt wird. Wir müssen dabei schauen, wie erfolgreiche städtische Modelle auf die ländliche Region übertragbar sind. Für den ÖPNV ist das eine gute Perspektive, denn Car-Sharer nutzen erfahrungsgemäß öfter Bahnen und Busse.

Zur Person

Michael Frömming (47) ist studierter Politikwissenschaftler. Er stammt aus Rotenburg (Wümme) und engagierte sich über 20 Jahre beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Niedersachsen. Von 1999 bis 2011 war Frömming Koordinator internationaler Verkehrsprojekte beim Bremer Senat und von 2011 bis 2016 als parteiloser Berater der grünen Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz tätig. In der Region initiierte er das Nahverkehrs-Projekt „Fahrziel Harz“. Seit vielen Jahren gibt Frömming das Nahverkehrs-Magazin „Der Schienenbus“ heraus. Er ist ledig und pendelt derzeit noch am Wochenende nach Mainz. (bsc/daz)

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