Schreiben, Flucht und Politik - Oskar Negt im Interview

"Überlebensglück": Sozialphilosoph Negt spricht über seine Autobiographie

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Hat etwas aus einem reichen Leben mitzuteilen: Sozialphilosoph Oskar Negt, hier in Göttingen, wo er beim Literaturherbst seine neue Autobiografie „Überlebensglück“ vorstellte.

Göttingen. Der renommierte Sozialwissenschaftler Oskar Negt hat seine Autobiografie veröffentlicht. Der Göttinger Verleger Gerhard Steidl bringt zudem eine 20-bändige Werkausgabe heraus. Wir sprachen mit Oskar Negt (82).

Herr Negt, Ihre Autobiografie kommt spät. Warum? 

Oskar Negt: Sie kommt in der Tat spät. Gedanken hatte ich schon lange. Ich habe aber eine innere Abwehr dagegen entwickelt, weil ich als Grundlage keine regelmäßigen Tagebucheinträge verfasst habe und bereits viel über mich in Texten veröffentlicht worden war. Der Widerstand wurde zunehmend geringer, weil ich über Phasen meines Lebens nachdenken wollte und bereit war, das geschützte Innere – mit Hilfe meiner Frau – der Öffentlichkeit preiszugeben.

Hat Sie als einst Geflüchteter auch die aktuelle Flüchtlingswelle motiviert? 

Negt: Natürlich war das auch ein Grund, ebenso waren es die vielen Gespräche mit Freunden, die angeregt haben, eine Autobiografie zu schreiben. Und der von mir überaus geschätzte Verleger und Buchmacher Gerhard Steidl kündigte an, eine Werksausgabe herauszugeben. Auch das war Motivation für mich.

„Überlebensglück“ ist ein wunderbarer Buchtitel. Ist er von Ihnen? 

Negt: Nein. Es ist buchstäblich ein kollektives Reflexions-Ergebnis, durch Verlagsmitarbeiter, die Lektorin, Freunde, meine Frau und mich.

Was macht eine zehnjährige Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg mit zwei älteren Schwestern mit einem jungen Mann? Wie prägt die Flucht Charakter und Denken? 

Negt: Das ist schwer zu fassen. Es beeinflusst ungemein. Am meisten die Fantasie. Denn sie wird im Lagerleben sehr stark gefördert und hilft auch, das alles durchzustehen, zu überleben und Glück zu empfinden. Im Kopf bleibt aber auch die Dankbarkeit für Hilfe und Unterstützung, wie wir sie in Dänemark im Lager durchaus erfahren haben.

Sie hatten einst die Loccumer Initiative gegründet, um gegen die geistig-politische Vorherrschaft der Konservativen und Neo-Liberalen anzusteuern. Was würden Sie heute tun, um gegen rechte Tendenzen zu wirken? 

Negt: Nicht damit aufhören, die rechtsstaatlichen und demokratischen Prinzipien, die Freiheit zu verteidigen – davon und darüber zu reden.

Sie stehen der Sozialdemokratie nahe. Welche Fehler haben die Parteien gemacht, damit die AfD so viel Zulauf hat bekommen können? 

Negt: Die Parteien haben Fehler gemacht. Vor allem haben Sie nicht verhindern können, dass die Menschen Ungerechtigkeiten empfinden – die zum Beispiel durch korruptes und maßloses Verhalten von Top-Managern wie auch bei VW entstanden sind. Daraus resultiert eine Unzufriedenheit, ein Vertrauensverlust der Politik und schließlich ein Protestverhalten. Generell ist in Europa ein Rechtsruck, ein Hin zum Nationalismus zu verzeichnen. In Deutschland jedenfalls gibt es so viele Sympathisanten dafür wie lange nicht mehr. Und daran tragen Parteien ihre Mitschuld.

Wie kann es sein, dass Menschen, denen es gut geht, Angst haben, dass Flüchtlinge den Reichtum gefährden könnten? 

Negt: Dieses Denken ist für mich nicht nachvollziehbar, aber erklärbar. Die Menschen klammern sich an das, was sie haben. Das habe ich nie getan. Ängste jedenfalls, auch davor dass eine Krise drohen könnte, sind irrational. Werden sie geschürt, dann bleiben sie bei vielen im Kopf und in der Seele haften. Die Politik hätte mit Argumenten offen gegensteuern müssen.

Was ist für Sie Glück? 

Negt: Einen sicheren, schönen Ort zu haben, von dem man aufbrechen kann und wohin man wieder zurückkehren kann. Das würden auch alle Flüchtlinge in Deutschland so empfinden und sagen. Und die Freiheit ist natürlich Glück. Aber auch, sich für diese Freiheit einsetzen zu können. Dabei bin ich von meinem Vater geprägt, er war ein überzeugter Sozialdemokrat, auch in schwierigen Zeiten. Und die Zeit als Flüchtling hat mich beeinflusst.

Das Buch:  „Überlebensglück“, Steidl-Verlag, 320 S., 24 Euro, wurde wie die 20-bändige Werkausgabe, 8624 S., 485 Euro, beim Göttinger Literaturherbst mit Alt-Kanzler Gerhard Schröder vorgestellt. Mehr: www.hna.de/goettingen

Zur Person

Oskar Negt (82) wurde 1934 auf einem Hof in Kapkeim (Ostpreußen) geboren. Nach dem Krieg war er bis 1955 auf der Flucht und heimatlos. Negt legte eine Bilderbuch-Karriere hin: Er lernte von den Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, arbeitete als Assistent des Soziologen Jürgen Habermas und wurde zu einem beachteten Sozialwissenschaftler und Philosophen. Negt lebt mit seiner Frau Christine Morgenroth in Hannover, wo er seit über 20 Jahren an der Uni lehrt.

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