Interview über das Thema Zeitzeugen: Zum Erinnern gehören zwei

„Bei Interviews mit Holocaust-Überlebenden sind Sensibilität und ein hohes Einfühlungsvermögen vonnöten“: Die Göttinger Historikerin Petra Terhoeven hat im Interview über die Bedeutung von Zeitzeugen und den Umgang mit ihnen gesprochen. Foto: Tobias Weidner/nh

Göttingen/Friedland. Wie erinnern wir uns, wenn die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Petra Terhoeven, Historikerin für europäische Kultur- und Zeitgeschichte an der Universität Göttingen, gesprochen.

Auch beim neuen Museum Friedland spielen Interviews mit Zeitzeugen eine große Rolle. Sie sind in die Ausstellung integriert.

Dieser Spruch ist Ihnen sicherlich bekannt: Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge. Wie stehen Sie zu dieser Aussage? 

Petra Terhoeven: „Diesen Satz hört man tatsächlich immer wieder. In Wirklichkeit kann die Erinnerung der Mitlebenden die Arbeit von Historikern außerordentlich bereichern, wenn man methodisch sensibel mit ihren Aussagen umgeht. Wobei in dem Spruch auch ein Körnchen Wahrheit steckt. Die Aussagen von Zeitzeugen sind subjektiv und entsprechend unzuverlässig, standortgebunden und parteiisch. Sie können nicht objektiv sein. Doch wenn man richtig mit diesen Zeitzeugenberichten umgeht, dann ist die Subjektivität nicht das Problem, sondern macht gerade die Qualität dieser Quelle aus.“

Wie geht man denn mit Zeitzeugenberichten richtig um? 

Terhoeven: „Die größte Herausforderung ist, dass man im Falle von Zeitzeugeninterviews als Historiker selbst aktiv an der Entstehung der Quelle beteiligt ist. Dadurch ist die Auswertung sehr viel anspruchsvoller als bei anderen Quellen. Man muss sich der Chancen, aber auch der Grenzen dieses Materials bewusst sein, und seine Fragestellung entsprechend anpassen.“

Häufig brechen Zeitzeugen ihr Schweigen erst im hohen Alter. Warum ist das so? 

Terhoeven: „Das lässt sich sicher nicht pauschal beantworten. Doch zum Erinnern gehören immer zwei: Einer, der aus seinem Leben erzählt und einer, der sich für diese Erinnerungen interessiert. Die Überlebenden des Holocaust haben sehr lange gebraucht, bis sie überhaupt die gesellschaftlichen Bedingungen vorgefunden haben, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Bei Interviews mit Holocaust-Überlebenden sind Sensibilität und ein hohes Einfühlungsvermögen vonnöten. Den Personen fällt das Erzählen ihrer Erinnerungen zum Teil sehr schwer.“

Wie erinnern wir uns, wenn in absehbarer Zeit die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben? 

Terhoeven: „Glücklicherweise sind sehr, sehr viele dieser Erinnerungen gerettet worden - beispielsweise durch die Initiative von Yad Vashem, der großen Holocaust-Gedenkstätte in Israel. Was aber nicht ersetzbar ist, ist die persönliche Begegnung mit einem Menschen, der das alles erlitten hat. Da wird sich etwas verändern, wenn wir die lebendigen Mahner nicht mehr unter uns haben. Doch auch die Täter können bald nicht mehr über den 2. Weltkrieg berichten.“

Welche Bedeutung haben Zeitzeugen für Ihre Arbeit als Historikerin? 

Terhoeven: „Die Faktenebene interessiert mich bei Interviews aus den genannten Gründen weniger. Die Deutungs- und Erfahrungsebene ist für mich viel wichtiger. Jeder Mensch ist ja ständig damit damit beschäftigt, seine Lebensgeschichte so zu konstruieren, dass etwas möglichst Sinnvolles dabei herauskommt: Man schönt etwas, man deutet etwas um, man lässt etwas weg. Diese subjektive Erinnerungsarbeit ist für uns Historiker interessant.“

Zur Person

Prof. Dr. Petra Terhoeven (46) ist Professorin für Europäische Kultur- und Zeitgeschichte an der Universität Göttingen. Sie wurde in Düren geboren. Terhoeven hat Geschichte, Germanistik und Italienisch an den Universitäten Köln und Bologna studiert. 2002 hat sie an der TU Darmstadt mit einer Arbeit zum italienischen Faschismus promoviert. Vor ihrer Berufung nach Göttingen hat Terhoeven an der Universität Kiel gearbeitet. Sie war zudem Gastdozentin in Luzern und am Deutschen Historischen Institut Rom. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter plant sie ein neues Projekt über die Opfer von politischem Terrorismus. Sie wird dafür auch mit Zeitzeugen sprechen. Terhoeven ist verheiratet, hat eine 15-jährige Tochter und lebt in Göttingen.

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