125 Jahre Deutsches Theater am Wall: Festakt und Tag der offenen Tür

Markantes Gebäude: 1890 wurde das nach den Plänen des Architekten Gerhard Schnitger gebaute Theater am Wall fertiggestellt. Vorbild war das baulich ähnliche Schauspielhaus in Oldenburg. Foto: Kopietz

Göttingen. Eigentlich ist so ein Theater ganz einfach, wie Intendant Erich Sidler sagte: Eine Guckkastenbühne auf der einen, der Zuschauerraum auf der anderen. Auf der Bühne die Schauspieler, im Parkett die Zuschauer.

So war es vor 125 Jahren, so ist es heute am Wall in Göttingen. Damit es so bleiben kann, muss saniert werden, der Investitionsstau ist groß – denn seit dem Um- und Anbau, initiiert vom 2005 gestorbenen Göttinger Star-Architekten Jochen Brandi, sind drei Jahrzehnte vergangen.

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler ließ in seinem Grußwort keinen Zweifel daran, welchen Stellenwert das Deutsche Theater für Göttingen hat und haben wird: Das DT wird weiter ein Theater in Eigenverantwortung sein – mit einer starken Unterstützung durch die Stadt. „Wir haben einen guten Mittelweg gefunden. Der Zuschuss sei die höchste Einzelposition im Kulturhaushalt. Die erhoffte Zusage für die Sanierung hatte Köhler nicht als Jubiläumsgeschenk mitgebracht. Er machte aber Hoffnung: „Wir arbeiten daran.“

Gearbeitet hat Gaby Dey seit mehr als 20 Jahren am Deutschen Theater, oft auf der Bühne. Für die Schauspielerin ist das DT ein zweites Zuhause, wo sie mehr Zeit verbracht hat, als in ihren eigenen Wänden. Dem DT konstatierte sie eine „1A-Wohnlage“, und „so viel Besuch“ wie hier, hat sie zu Hause auch nicht.

Ein volles Haus hat es oft gegeben im DT, das 1890 für 372.000 Mark nach den Plänen von Gerhard Schnitger gebaut worden war, 23,5 Millionen Mark kostete 1994 der Umbau. Ausgaben, die sich gelohnt haben, wie auch Landrat Bernhard Reuter sagte, denn das DT wirke weit in die Region hinaus, begeistere auch in vielen Schulen junge Menschen für das Schauspiel.

Reuter fand die eindrücklichsten Worte während des Festaktes: In einer Zeit der Zerrissenheit, der Verunsicherung darüber, wie das Problem der Flüchtlinge gemeistert werden kann, wachse die Bedeutung der Theater. Es sei wichtig, den Spiegel vorzuhalten, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, aber auch Unterhaltung zu bieten. „Es sind wichtige Zeiten für das Theater.“

Und gelacht werden darf auch im Theater, wie schon immer: Am Sonntag wurde darüber geschmunzelt, wie Kritiker 1890 den von vielen gelobten Neubau sahen: Mit einem Oberrang, von dem einige die Bühne nicht richtig sehen konnten und können.

Ensemblemitglieder boten zudem Musik und Originalzitate der handelnden Akteure zur Bauzeit. Gaby Dey fragte auch, ob 125 Jahre eine lange Zeit sind? „Sie sind ein ordentlicher Anfang“, antwortete Dey trefflich und knapp in einem sonst gelegentlich langatmigen Festakt. Der wurde von einem Schweizer beendet und so der Kreis zur Eröffnung mit „Wilhelm Tell“ geschossen: Intendant Erich Sidler lud zum Sektempfang.

Deutsches Theater Göttingen in Zahlen:

1734: Gab es Marionettenspieler und Komödianten in Göttingen, sie hielten sich aber nicht lange – es mangelte am Publikumszuspruch, also zogen sie weiter.

30 Jahre später zogen Schauspieler-Gesellschaften durch die Lande – machten auch in Göttingen Station.

800 Personen hatten in dem großen Saal des von Baumeister Rohns 1825 errichteten Gebäudes am Wilhelmsplatz – damals Neuer Markt – Platz. Dort fanden Konzerte und Schauspielaufführungen statt.

Die Theaterlust der Göttinger war neu geweckt, wie Norbert Baensch in „Theater am Wall“ (Steidl Verlag) zum 100-jährigen Bestehen schreibt. Nach dem Verkommen zu einem „Tummelplatz für allerlei Unfug“ brannte die Restauration am 10. Januar 1887 ab.

1886/88: Das Union-Theater, jetzt Ortfried-Müller-Haus und Junges Theater, sprang fortan ein.

80: Erstmals wurde über einen Theater-Neubau gesprochen. Viele Stadtteile wollten den Bau in ihrem Viertel haben. Die Entscheidung fällt für den Bereich am Albani-Tor. Oberbürmeister Merkel bewegte das Projekt weiter gen Norden, an den heutigen Platz, wo der Stadtwall auf 80 Meter abgetragen worden war.

3: Der Entwurf von Architekt Gerhard Schnitger sieht drei Portale und vier Säulen als Gestaltungselemente vor – und lehnt sich an die Renaissance an sowie an das kurz zuvor erbaute – auch von Schnitger entworfene – Oldenburger Theater.

372.320 Mark kostete der Neubau. Die Stadt zahlte 176.000, Preußen 130.000 und Bürger für Anteile 65.700 Mark.

21,5 Minuten durfte die Räumung im Notfall maximal dauern.

1936/45: Das Theater wurde gleichgeschaltet, alle Vorstellungen waren von den Nazis zensiert. Das Gebäude blieb im Krieg unversehrt.

1949: Das DT wird auf das Schauspiel reduziert, die Oper fiel weg.

20 Jahre leitete Günther Fleckenstein das DT. Heinz Hilpert kam auf 16 Jahre. Nach Heinz Engels und Mark Zurmühle ist Erich Sidler der fünfte Intendant nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. (tko) Quelle: Norbert Baensch: „Theater am Wall. Stationen Göttinger Theatergeschichte, zum 100-jährigen Bestehen 1990, Steidl Verlag.

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