Göttinger Jesuiten-Niederlassung und Bistum Hildesheim sind betroffen über Missbrauchsskandal

Jesuiten: Riesenschlag für uns

Zentrum der katholischen Pfarrgemeinde St. Michael: Zum Michaelisviertel in der Göttinger Innenstadt gehören die St. Michael-Kirche (Foto), ein Gemeindehaus und Jugendräume. Auch die Jesuiten sind dort ansässig. Foto:  Camrath

Göttingen. In der St. Michael-Gemeinde in Göttingen haben die jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Pater Peter R. große Betroffenheit ausgelöst. „Das ist ein Riesenschlag für uns“, sagte gestern der Superior der Göttinger Jesuiten-Kommunität, Pater Benedikt Lautenbacher. Die Kommunität betreut die katholische Pfarrgemeinde.

Der Jesuiten-Orden müsse für eine umfassende Aufklärung des Falles sorgen, sagte der Superior. Peter R. war von 1982 bis 1989 in Göttingen tätig. Er ist einer der beiden Pater, die mindestens 22 Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin missbraucht haben sollen. Peter R. wurde danach mehrfach versetzt, unter anderem nach Göttingen und Hildesheim. Dort soll es zu weiteren Vorfällen gekommen sein.

Der Pater war von 1972 bis 1981 an dem Berliner Jesuiten-Gymnasium als Religionslehrer tätig gewesen. Aus Berichten ehemaliger Schüler geht hervor, dass die Gründe für seinen Weggang damals „allen klar“ gewesen seien. Im Herbst 1982 wurde der Pater in die Jesuiten-Niederlassung Göttingen versetzt.

Attacke auf Pater

Nach Angaben des Hildesheimer Bistums war bei seiner Einstellung nichts über etwaige Verfehlungen bekannt gewesen. In Göttingen arbeitete Peter R. als Dekanatsjugendseelsorger im Jugendhaus in der Nikolausstraße. Der Pater sei offenbar ein sehr engagierter und beliebter Jugendseelsorger gewesen, sagte Superior Lautenbacher, der den heute 69-Jährigen selbst nie kennen gelernt hat. Als Peter R. nach sieben Jahren aus Göttingen abgezogen wurde, hätten Jugendliche und Eltern dagegen protestiert.

1986 war es allerdings zu einer Attacke auf den Pater gekommen: Ein früherer Schüler des Berliner Kollegs soll Peter R. in Göttingen aufgesucht und mit einem Schraubenzieher angegriffen haben. Eine Sekretärin war Zeugin des Vorfalls. Sie habe erzählt, dass der Pater blutend aus dem Sprechzimmer herausgekommen sei, sagte Lautenbacher.

Sie habe die Polizei rufen wollen, dies habe Peter R. jedoch abgelehnt. Als Grund für den Angriff habe er gesagt, dass der Besucher Geld gewollt habe. Vermutlich habe die Tat jedoch einen anderen Hintergrund gehabt. Der frühere Schüler soll sich später das Leben genommen haben.

1989 wurde Peter R. wieder versetzt, nachdem es Hinweise auf sexuelle Übergriffe auf Mädchen gegeben hatte. Er wurde Pfarrverwalter in der Hildesheimer Pfarrgemeinde Guter Hirt. Auch hier kam es zu sexuellen Übergriffen. Derzeit seien zwei Fälle bekannt, sagte Bistumssprecher Michael Lukas. Im Herbst 1993 habe eine Mutter den damaligen Bischof Homeyer darüber informiert, dass Peter R. ihre 14-jährige Tochter unsittlich berührt habe. Daraufhin sei ihm die Jugendarbeit verboten, das Verbot aber nicht konsequent durchgehalten worden.

1997 gab es neue Vorwürfe wegen sexueller Belästigungen und Unregelmäßigkeiten in der Amtsführung. Daraufhin wurde er in das Dekanat Wolfsburg versetzt. Ein Jahr später wechselte er nach Berlin, bevor er 1999 in Hannover tätig wurde. 2003 wurde er in den Ruhestand versetzt.

In all den Jahren wurde nie Strafanzeige gegen den Pater erstattet.

Von Heidi Niemann

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